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Religion: Haddsch
Religion: Haddsch von Ali Schariati

 

 

Haddsch

 

Haddsch ist Vorsatz, Absicht, Bewegung und Bewegungsrichtung zugleich. Alles beginnt damit, dass Du Dich von Dir, von Deinem Alltag und von Deinen Bindungen befreist. Du bist doch in Deiner Stadt sesshaft, also unbeweglich. Haddsch ist die Absage an den Stillstand.  Ein Leben, das zum Selbstzweck wird, ist dem Tode gleich, einer Art atmendem Tod, lebendigem Tod, dem toten Leben, dem Vegetieren im Sumpf des Daseins. 
Haddsch ist der Ruf nach Aufbruch. 

Das Leben ist eine Bewegung im Kreis, in einem Teufelskreis, ein sinnloses und sich wiederholendes Kommen und Gehen. Die sichtbare Veränderung: Altwerden, und das tatsächliche Ergebnis: Verfaulen. Eine eintönige und törichte Auf- und Abwärtsbewegung; Qualen, die an Sisyphus erinnern. Der Tag leitet die Nacht ein und die Nacht den Tag. Sie nagen wie schwarze und weiße Ratten an den Fäden unseres Lebens, bis wir sterben. 
Das Leben ist ein Schauspiel, bei dem sich die Tage und Nächte ohne Sinn und Ziel ablösen. Ein Spiel ohne Ende! Bist Du in Not, musst Du Dich abmühen, leiden, hoffen und warten. Erreichst Du Dein Ziel, so erscheint Dir alles nichtig und sinnlos. Welch eine Lebensphilosophie: Absurdität, Nihilismus! 

Haddsch ist Deine Rebellion gegen diesen törichten Zwang, gegen das verhängnisvolle Schicksal des Sisyphus, Deine Befreiung von Schwankungen und Zweifeln und einem Lebenskreislauf, in dem produziert wird, um zu konsumieren, und konsumiert wird, um zu produzieren. 
Haddsch weist Dir den Weg aus dem  Labyrinth Deines Daseins. 
Durch Deine Intention öffnet sich der geschlossene Kreis und wird zu einer geraden Linie, die Dich zur Ewigkeit und zu Ihm führt. 

Wandere aus Deinem Haus aus und begib Dich zum Hause Gottes, ja, in das Haus der Menschen. Und wer auch immer Du heute bist, Du warst ein Mensch, ein Kind Adams, aber die Geschichte, das Leben und die unmenschliche Gesellschaftsordnung haben Dich in ein niederes Geschöpf verwandelt und Dich Dir selbst und Deiner göttlichen Natur entfremdet. Du warst Stellvertreter Gottes auf Erden, Sein Gesprächspartner und Sein engster Vertrauter. Du warst  Herr über die Natur und Angehöriger Gottes.  Der Geist Gottes war Dir eingegeben, Du warst Sein Schüler. Er lehrte Dich alle Namen und lehrte Dich, indem Er Dir das Schreibrohr in die Hand gab (Qur'an 96/4). Er schuf Dich nach Seinem Ebenbild . 
Als Er Dich schuf, rühmte Er sich Seines Werkes und wies Seine ihm nah- und fern stehenden Engel an, sich vor Dir niederzuwerfen und Dir zu gehorchen. In Deine Hand gab Er Himmel und Erde. 
 

Er kam zu Dir, legte die Last der Verantwortung vertrauensvoll auf Deine Schultern, schloss mit Dir einen Bund, brachte Dich auf die Erde, zog in Dein Wesen ein, wohnte Dir inne  und wartete darauf, was Du tun wirst3. Und Du machtest Dich auf, beschrittest den Weg der Geschichte, die  Verantwortung auf Deinen Schultern lastend, im Bunde mit Gott stehend, die von Ihm gelernten Namen in Deinem Herzen und in Dir, in Deinem Dasein der Geist Gottes. 
Und die Zeit ist Dein ganzes Kapital . . . Wie hast Du Dein Kapital genutzt? Davon hast Du nur Deinen Lebensunterhalt bestritten. 
Und Deine Leistung im Leben? Schädigung, nicht nur Gewinnausfall, sondern Schädigung des Eigenkapitals: Ein sicherer Untergang und Bei der Zeit! Der Mensch kommt (mit seinem gottlosen Handeln bestimmt zu Schaden (Qur'an 103/1 und 2). 
Und das nennst Du Leben? Was hast Du bislang getan? Nur gelebt! 
Was hast Du erreicht? Viele wertvolle Jahre habe ich verloren! Was ist aus  Dir geworden?  Du,  das  Ebenbild und der Treuhänder Gottes, dem die Engel huldigten und der Stellvertreter Gottes auf Erden ist. 
Geld, Sinnlichkeit, Begierde und Lüge bestimmen Dein Leben! Du bist zu einer Bestie geworden! Du bist leer und hohl! Nein, Du bist voller Schlamm und sonst nichts! Dein Leib war am Anfang ein Schlamm, ein stinkender Schlamm (Qur'an 15/26), dem Gott Seinen Geist eingab. Wo ist nun dieser erhabene Geist, die Seele Gottes? Du, die Krähe, die verschlammte Leiche, der verfaulte Leib, erhebe Dich aus dem Morast Deines Daseins, aus dem Sumpf Deines Lebens und brich zu neuen Ufern auf! Kehre dieser Stadt, diesem Garten, dieser Oase, ja, diesem Schandfleck den Rücken, ziehe durch die sonnige Wüste der Halbinsel, durch die glühende Sandwüste unter einem Himmel, von dem Offenbarungen herabkommen. Wende Dein Gesicht Gott zu, spiele Dein Klagelied wie eine Schilfrohrflöte, ausgedörrt, verblasst und hohl; beklage die Trennung, die Verbannung und die Fremde. Den Fremden und Feinden hast Du mit Deinen Liedern Freude bereitet. Nun komme zu Dir und stimme Dein Klagelied an! 

 

 

Die Zeit der Wallfahrt  

 

Nun ist es soweit, der Augenblick der Begegnung ist gekommen! 
Es ist die Zeit des Haddsch, der Monat der Wallfahrt, der Monat der Geborgenheit, des Respekts und der Verbote. Die Schwerter stecken in der Scheide, das Kriegsgeschrei von Ross und Reiter ist verstummt, Krieg, Hass und Furcht sind vorbei, Friede, Andacht und Sicherheit sind auf der Erde eingekehrt. Die Geschöpfe suchen die Begegnung mit ihrem Schöpfer. Dies muss in einer bestimmten Zeit geschehen. Auch zu Gott soll der Mensch in Gemeinschaft mit anderen gehen. Hörst Du nicht die Stimme Abrahams auf Erden? 
Sie ruft: Und rufe unter den Menschen zur Wallfahrt auf, damit sie (entweder zu Fuß zu Dir kommen oder auf allerlei hageren (Kamelen reitend, die aus jedem tief eingeschnittenen Pal3weg daherkommen (Qur'an 22/27). 
Und Du Schlamm suche nach dem Geist Gottes und frage Ihn danach. Ziehe aus aus Deinem Haus und begib Dich zu Ihm, Er erwartet Dich in Seinem Haus und ruft Dich zu sich. Folge Seinem Ruf! 

Du bist ein Nichts und kannst Du werden auf dem Wege zu Ihm (Qur'an 35/12). Die Zeit ist gekommen, befreie Dich von Deinem unwürdigen, schändlichen und kleinlichen Leben - der Welt -, aus der erdrückenden und verschlossenen Festung Deiner Individualität - Deines eigenen Ich - und begib Dich zu Ihm als Zeichen der ewigen Auswanderung des Menschen, Deines unaufhörlichen Werdens auf dem Wege zu Gott. Begib Dich auf die Wallfahrt! 
Begleichung der Schulden, Bereinigung von Missstimmungen, Überwindung des Ärgers, Bitte um Vergebung, Regelung der Lebens und Vermögensverhältnisse vor der Wallfahrt kündigen den Tod an, als ob Du eine Reise ohne Wiederkehr antrittst. Es erinnert an den  letzten  Abschied, es ist ein Hinweis auf das menschliche Schicksal, ein Ausblick auf die Trennung von allem und die Hinwendung zur Ewigkeit, also der letzte Wille, das heißt, die Vorbereitung auf den Tod; auf den Tod, der Dich zwangsläufig holen wird. Nun begib Dich auf die Wallfahrt! Brich auf zur Ewigkeit, zur Begegnung mit Gott. Am Jüngsten Tag, wenn Du nichts mehr tun kannst, vor dem Gericht, wo von Deinem Gehör, Gesicht und Herz für all das Rechenschaft verlangt wird (Qur'an 17/36), ist es schon zu spät. Du und Dein Körper werden zur Rechenschaft gezogen. Du bist zu einem schutzlosen Opfer Deiner grausamen Handlungen geworden, bereite Dich auf die Reise in die Welt der Rechenschaft vor, solange Du noch in der Welt des Wirkens weilst. 
Übe das Sterben, stirb, bevor Du stirbst, wähle jetzt symbolisch den Tod! Nimm Dir vor zu sterben, nimm Abschied von dieser Welt! Begib Dich auf die Wallfahrt! 
Haddsch ist das Symbol der Rückkehr zu Ihm, der die absolute Ewigkeit und Unendlichkeit ist, der keine Grenzen hat und dem nichts gleicht. 

Die Rückkehr zu Ihm ist der Aufbruch des Menschen zur absoluten Vollkommenheit, Güte, Schönheit, Macht, Allwissenheit und Wahrheit. Es ist ein Wandern zum Absoluten, eine Bewegung zur absoluten  Vollkommenheit, eine ewige  Bewegung.  Du  bist in einem ständigen Werden begriffen, in einer nie endenden Bewegung. Gott ist kein erreichbares Ziel, Er ist ein Ziel in der Unendlichkeit, Er ist nicht das Endziel auf Deiner Reise, Deine Reise ist Dein ewiges Wandern auf einem Weg, der kein Ende findet. Es ist ein Weg in die Unendlichkeit. Es ist ein absolutes Wandern. Bei Deinem Werdegang in der Welt der Seienden, bei Deinem ständigen Wandern  und Werden ist Er nicht der Endpunkt, sondern der Richtungweisende. 
Keine Mystik (aufgehen in Gott, Einswerden mit Gott), sondern Islam (auf Gott zugehen). 
Wir gehören Gott, und zu Ihm kehren wir zurück (Qur'an 2/156). 
Alle Dinge kehren zu Gott zurück (Qur'an 42/53). 
Nicht das Aufgehen in Ihm, sondern die Bewegung zu Ihm wird gefordert, nicht in Ihm, sondern zu Ihm. 

Es ist Pilgerzeit, die Zeit der Begegnung ist näher gerückt, gehe zum Sammelpunkt, gehe zum Miqat, Dich hat Er zu sich gerufen, der Augenblick der Begegnung  ist gekommen, hier  ist Miqat.  Du Schlamm, triff Dich mit Gott! 
Du, der Angehörige Gottes, Sein Vertrauter, Gesellschafter Seiner großen Einsamkeit, Du, dem alle Engel huldigten, die Geschichte hat Dich entartet und das Leben hat Dich zu einer Bestie gemacht. 
Du hattest mit Gott den Bund geschlossen, Ihn allein anzubeten und gegen alle anderen außer Ihm zu rebellieren. Nun betest Du zu Taqut, dienst einem Götzen, der Deine eigene Schöpfung ist. 
Du, der Finstere und der Unwissende, Du betest nicht den Schöpfer der Welt und der Menschen an, sondern die irdischen Götter. 
Du, der Verlierer im Spiel des Lebens, das Opfer der Tyrannei, der Unwissenheit, des sklavenhaften Untergangs, der Erniedrigung und der Not, Du bist von Deinen Ängsten und Deiner Habgier zerstört worden.  Das Leben, die Gesellschaft und die Geschichte haben Dich zum Wolf, zum Fuchs, zur Ratte oder zum Schaf werden lassen. 

Es ist soweit, gehe auf die Wallfahrt, gehe zum Miqat, dort begegnest Du, wie verabredet, dem größten Freund des Menschen, der Dich als Mensch erschuf! Verlasse die Stätte der Macht, die Schätze des Reichtums, die Tempel des Leides und der Erniedrigung, befreie Dich von dieser Schafherde, deren Hirte der Wolf ist, fass den Vorsatz, ihnen zu entfliehen und im Hause Gottes, im Hause der Menschen Zuflucht zu nehmen. Gehe auf die Pilgerfahrt! 

 

 

Weihezustand in Miqat  

 

Das Schauspiel beginnt. Du bist hinter den Kulissen und möchtest zu  Ihm. Du bist zum Sammelpunkt gekommen. Nun musst Du Dich umziehen, denn Deine Kleidung verhüllt Dich, Dein menschliches Selbst, ja, Deine Menschlichkeit. Das Menschliche in Dir bleibt verborgen und Du trittst im Gewande eines Wolfes, eines Fuchses, einer Ratte oder eines Schafes auf. Diese Kleidung ist eine Täuschung, sie ist eine Kufr, die Verschleierung der Wahrheit. 

  "Die Gottesfürchtigen befinden sich in Gärten und an Bächen, auf einem guten Sitzplatz in Gegenwart eines mächtigen Königs" (Qur'an 54/54, 55). 

Kleider sind Statussymbole, sie verschleiern, täuschen vor und deuten den Rang und die Stellung an. Das Kleid, dessen Farbe, Muster und Qualität heben das Ich hervor, und dieses Ich heißt nicht Du, nicht Ihr, nicht Wir, sondern nur Ich. Diese Ich-Bezogenheit ist eine Diskriminierung, eine Abgrenzung, ja eine Spaltung. 
Mit dem Ich wird nicht der Mensch hervorgehoben, sondern die Rasse, die Sippe, die Klasse, die Gruppe, die Familie, der Rang, die Stellung und das Individuum. Im Reiche der Menschen gibt es viele  Grenzen.  Die  Henker der Geschichte, die Abkömmlinge Kains, machten sich über die Kinder Adams her und spalteten die in  Einheit  und  Eintracht  lebenden  Menschen  in  Herren  und Knechte, Herrscher und Beherrschte, Satte und Hungrige, Reiche und  Arme,  Meister und  Diener, Tyrannen und  Unterdrückte, Kolonialherren  und  Kolonisierte, Ausbeuter und Ausgebeutete, Betrüger und Betrogene, Starke und Schwache, Verführer und Verführte, Besitzer und Besitzlose, Adelige und Bürgerliche, Geistliche und Weltliche, Auserwählte und Gemeine, Freie und Unfreie, Arbeitgeber und Arbeitnehmer, Glückliche und Unglückliche, Weiße und Schwarze, Westliche und Östliche, Zivilisierte und Unzivilisierte, Araber und Nicht-Araber. 
Die Menschen wurden in Rassen, die Rassen in Nationen und sie wiederum  in  Klassen eingeteilt.  Die  Klassen spalteten sich  in Schichten, Gruppen, Familien und diese wieder in Personen, wobei Titel, Rang, Stellung, Ansehen und dergleichen immer mehr hervorgehoben wurden bis zu jenem Individuum, dem Ich, das sich in dieser Kleidung verhüllt hat. 
Lege sie in Miqat ab, ziehe das Leichentuch an, verwische die Farben, ziehe Dich weiß an, sei wie die anderen, werde Wir. Streife das Ich von Dir ab wie eine Schlange ihre Haut, sei mit den Menschen, werde ein Teilchen unter vielen, wie ein Tropfen in einem Meer. Du bist nicht allein am Sammelpunkt erschienen, Du bist ein Strohhalm in Miqat. Werde zu einer Existenz, die ihre Sterblichkeit spürt, oder zu einer Sterblichkeit, die sich ihrer Existenz bewusst ist. Stirb, bevor Du stirbst! Entledige Dich der Kleider des Lebens, lege das Gewand des Todes an, denn hier befindest Du Dich in Miqat. Wer Du auch bist, was auch immer für Verzierungen, Auszeichnungen und Farbenpracht das Leben Dir beschert und Dich 
zum Wolf, 
zum Fuchs, 
zur Ratte oder 
zum Schaf 
gemacht hat, entledige Dich ihrer in Miqat. Werde ein Mensch, so wie Du am Anfang warst: ganz Adam! Werde so, wie Du am Ende sein wirst: ganz tot! Lege ein zweiteiliges Gewand an, ein Teil um Deine Schultern und ein weiteres um Deine Hüften, weiß, ungemustert, ungenäht, schlicht, ohne Hinweis auf Deine Person und ohne dass Du Dich von anderen unterscheidest. 
Ziehe das an, was alle in Miqat tragen, ein Gewand, das den Gewändern Deiner Weggefährten zum Verwechseln ähnlich ist. Zu Beginn der Reise zum Hause Gottes lege das Gewand an, das Du am Anfang Deiner Reise zu Gott tragen musst. 
Hier ist Miqat, der Sammelpunkt der Reisekarawanen aus allen Himmelsrichtungen auf dem Wege zum Hause Gottes, eine erstaunliche Bezeichnung für einen Ort. Der Raum wird mit einem Zeitbegriff ausgedrückt. Was bedeutet das? Heißt das, dass auch im Raum Bewegung herrscht? Heißt das, dass alles Zeit ist? Heißt es also auch, dass Raum Zeit ist? Bedeutet das nein zum Stillstand? 
Ja, denn der Mensch ist doch kein Sein, sondern ein Werden auf dem Wege zu Gott, und zu Gott führt das Werden (Qur'an 24/42). Erstaunlich, alles ist Bewegung, Vollkommenheit, Leben und Tod, alles sind Gegensätze, Veränderungen und Richtungen. Alle sind dem Untergang geweiht, nur derjenige nicht, der sich Ihm zuwendet (Qur'an 28/88). 
Und Gott, das absolute Sein, die absolute Vollkommenheit, die absolute Ewigkeit und die absolute Absolutheit, Er ist jeden Tag mit etwas beschäftigt (Qur'an 55/29). 
Auch Haddsch ist Bewegung, Aufbruch zu einem Ziel, ein Zeichen der Rückkehr des Menschen zu Gott. 
Begrabe Deine Ichs in Zul-Halifah, beerdige dort Dein Selbst, sei Zeuge Deines eigenen Sterbens, pilgere zu Deinem eigenen Grab, bestimme Dein endgültiges Schicksal selbst und stirb in Miqat. 
Erlebe Deine Auferstehung in der Wüste zwischen Miqat (Sammelpunkt) und Miad (Treffpunkt) Die Szene erinnert an den Tag des Gerichts. Überall, soweit das Auge reicht, bewegt sich eine reißende weiße Flut von Menschen im Todesgewand. Keiner erkennt den anderen wieder, keiner findet also sein Selbst wieder, denn das Ich ist in Miqat geblieben; sie alle sind die Inkarnation der auferstandenen Seelen, die keine Klassen, Rassen und Standesunterschiede kennen. Es ist ein Zusammenscharen, eine Verschmelzung der Menschen zu einer Einheit, eine menschliche Verkörperung der göttlichen Einzigkeit, eine Auferstehung in Angst, Begeisterung, Aufregung, Entzückung und Verwunderung; jeder bewegt sich wie ein winziges Teilchen in einem Magnetfeld; Gott in Qibla (Gebetsrichtung) ist die Anziehungskraft. Nur der Mensch ist von Bedeutung, sonst nichts. Nur Gott ist richtungweisend und kein anderer. Alle Nationen, Völker und Gruppen sind in der Wüste zu einem einzigen Stamm verschmolzen, mit einer einzigen Qibla im Dasein, im Leben. 
Lege Deine Kleidung ab! Entledige Dich aller Dich von anderen unterscheidenden  Kennzeichen!  Tauche in der Menschenmenge unter und vergiss in dem Gewühl der Auferstandenen alles, was Dir das Leben beschert hat, was Dich an Dein Selbst und Deine Lebensordnung erinnert! Entsage allem und lege Dir lhram8 an. In Miqat gehen Ichs in Wir auf. Jeder streift seine Unarten ab und wird zum Menschen. Auch Du begräbst Deine Individualität und wirst ein Teil der Glaubensgemeinschaft, denn wenn Du Dich von Deinem Ich befreist, Dein Selbst verleugnest, in Wir aufgehst, wirst Du selber zu einer Gemeinschaft, wie Abraham eine gewesen war. 
Nun bist Du aufgebrochen, um ein Abraham zu werden. Einer wird alle und alle werden einer. Alle werden eins. Eine polytheistische Gesellschaft gelangt zum Monotheismus. Sie wird zu einer Ummah: Umm heißt Vorsatz, Aufbruch zu einem Ziel, zu einer Qibla; Ummah ist eine Gesellschaft, die in Bewegung ist, eine Gesellschaft, die im Werden begriffen ist - nicht zum Zwecke des Wohlstandes, sondern der Vollkommenheit, nicht für Ruhe, sondern für Bewegung, nicht zum Verwalten, sondern zum Führen, nicht zum Regieren, sondern für Imamat. 
Nun seid Ihr, Du und Deinesgleichen, also andere lchs, nein, vielmehr die Nichts, aus allen Himmelsrichtungen, Eurem Selbst entsagend, zu Gott hingezogen, den schlammigen Sumpf zurücklassend, dem Geiste Gottes zugewandt, die Verbannungsorte der Erde verlassend, den Blick auf das Jenseits gerichtet, dem Relativen und den Interessenzwängen entflohen, auf der Suche nach dem Absoluten und der Wahrheit, der Unwissenheit und Tyrannei den Rücken kehrend, der Bewusstheit und der Gerechtigkeit zugewandt und schließlich die Vielgötterei überwunden habend, auf dem Wege zu dem einzigen Gott in Miqat angekommen, habt das lhram angelegt und seid einander zum Verwechseln ähnlich geworden. Es ist solch ein Menschenauflauf, bei dem der Fremde für den Freund und der Unbekannte für den Verwandten gehalten wird. Jeder kann die Schuhe des anderen tragen, jedes lhram kann Deins sein. 
All  diese  Menschen, die seit Jahren das Menschsein vergessen hatten und von Macht besessen waren, die ihr Hab und Gut, ihren Ruhm und ihre Stellung, also ihr Besitztum mit ihrer Existenz gleichsetzten und sich mit ihrem Rang und Titel identifizierten, haben nun zu sich zurückgefunden. Sie sind wieder zu Menschen geworden, zu einem einzigen Menschen mit einer einzigen Eigenschaft: Haddschi (Wanderer mit einem festen Vorsatz - der Pilger). 

 

 

Niya (Absichtserklärung)  

 

Du stehst an der Eingangsschwelle und willst beginnen. Nun musst Du vor allen Dingen Deine Absicht erklären. Welche Sinnbereiche erfasst das Wort Niya? Vorhaben, Ortswechsel, Zustandsänderung, weite Wege zurücklegen, mästen (Kamele), befriedigen (Bedürfnisse), Ausreifung der Dattelkerne, sich niederlassen, Fahrtrichtung,  Vorsatz,  Absicht,  Wille,  Willensrichtung,  Bedürfnis und Geheiß. 
Navi (Nomen Agentis): der sich auf Umwälzung Vorbereitende; 
der für den Glauben eines Volkes und das Schicksal einer Gemeinschaft Verantwortliche. Du bist in Miqat an der Schwelle einer großen Veränderung, einer revolutionären Umwälzung, eines Überganges von Deinem Haus in das Haus der Menschen, vom Leben zur Liebe, von Dir selbst zu Gott, von der Versklavung zur Freiheit, von Zwietracht, Scheinheiligkeit, Standesdünkel und Rassendiskriminierung zu Aufrichtigkeit und Freundschaft, von der Verborgenheit zur Offenheit, vom täglichen Gewand zum ewigen, vom Gewand der Selbstsucht, der Fahrlässigkeit und Zügellosigkeit zum Umhang der Hingabe, des Verantwortungsbewusstseins und des Ihram. 
Fasse den Vorsatz, reife wie die Datteln innerlich aus, säe die Saat der Erkenntnis in Dein Bewusstsein, erfülle die hohle Schale, Dein Inneres, sei nicht träge, bilde einen Kern, umschließe mit Deinem Dasein den Kern Deines Glaubens, höre auf, eine Luftblase zu sein, existiere! Entzünde eine Flamme in Deinem finsteren Herzen, leuchte, sei erfüllt vom Lichte des höchsten Wesens, fließe über, sei außer Dir und finde zu Deinem wahren Selbst zurück! Du, der ewig Ignorante, erkenne Gott und seine Geschöpfe, gelange zur Selbsterkenntnis. Du warst immer und überall das Werkzeug und wurdest benutzt. Du hattest keine Wahl, die Arbeit wurde an Dich herangetragen, Du musstest sie aus Gewohnheit, Tradition oder Zwang verrichten. Nun verkünde Deine Absicht, wähle bewusst und frei 
den neuen Weg, 
die neue Richtung, 
die neue Arbeit, 
das neue Dasein und 
das neue Selbst! 

 

 

Beten in Miqat  

 

Nun befindest Du Dich in Miqat. Du verkündest Deine Absicht und beginnst die Wallfahrt. Du fühlst, was Du auf Dich genommen hast, weißt, was Du tust und warum. Du legst Deine Kleidung ab, schüttelst alles ab, legst das Ihram an, verrichtest das Ihram-Gebet. Es ist Deine Hingabe an Gott in Deinem neuen Gewand, das heißt: nicht der Götzendiener, der Sklave von Nimrod, steht vor Dir, mein Gott, sondern ich in Gestalt Abrahams. Nicht in dem Gewand des gewalttätigen Wolfes, des listigen Fuchses, der raffgierigen Ratte oder des unterwürfigen Schafes stehe ich vor Dir, sondern im Gewand des Menschen, so, wie ich dereinst mich aus der Erde erheben werde. 
Das heißt, ich bin mir meines Schicksals bewusst; ich bin nichts und doch alles, weil ich Dir folge. Ich habe mich durch Rebellion von all dem befreit, was mit Dir nichts zu tun hat; ja, so weit bin ich mir meines Schicksals bewusst. Nun wähle ich dieses Schicksal und bereite mich darauf vor. 
Das Gebet in Miqat, in dem weißen, dem Totenhemd ähnlichen Ihram an der Schwelle der Begegnung nimmt seltsame Züge an. 
Alles bekommt einen anderen Sinn. Die Worte hören sich an, als ob sie zum ersten Male ausgesprochen werden. Sie sind keine Pflichtübung, wir reden mit Ihm. Wir spüren Seine Gegenwart: 
Du, der Barmherzige, Deine Gnade strahlt wie die Sonne über alle Grenzen unserer Freundschaft und Feindschaft, unseres Glaubens und unserer Lästerung hinweg, denn Du bist darüber erhaben, ob wir Deiner Gnade würdig sind oder nicht. Lob sei Dir, Dir allein werde ich dienen und außer Dir keinen zum Herrn nehmen, denn Du bist der Herr aller Menschen. Du wirst am Tage des Gerichts regieren. Ich zerstöre meine Götzen und bete nur zu Dir. Dich allein bitte ich um Hilfe. Du bist meine einzige Stütze und der einzige Anbetungswürdige.  Durch unsere Unwissenheit sind wir alle irregeführt worden. Wir sind das Opfer der Unterdrückung und unserer Schwächen. Wir sind zum Spielball eigener Schwächen und fremder Mächte geworden. Führe uns den geraden Weg, den Weg der  Rechtschaffenheit,  Erkenntnis,  Wahrheit,  Vollkommenheit, Liebe, Schönheit, Güte und den Weg derer, denen Du Gnade erwiesen hast, nicht aber den Weg derer, die Deinen Zorn auf sich geladen haben und irregehen. 
Jede Verneigung in Miqat, im weißen Gewand des Jenseits, ist eine Absage an frühere Verbeugungen, die durch Angst, Habgier oder Verherrlichung motiviert waren. Jeder Kniefall vor dem Allmächtigen ist die Verweigerung der Unterwürfigkeit anderen Mächten gegenüber. 
Das Gebet in Miqat ist das Gelübde vor dem einzigen Gott, dass es keine Verneigung vor irgendeinem außer Ihm geben wird. 
Friede sei mit Dir, Mohammad, Seinem Diener und Gesandten! Die Gnade und der Segen Gottes mögen Dir zuteil werden, weil Du den Menschen in diesem Leben und auf dieser Erde so viel Segen gebracht hast. 
Friede sei  mit uns und mit den lauteren und rechtschaffenen Dienern Gottes! 
Friede sei mit Euch! Hier sind diese Worte mit Leben erfüllt. Die Pronomen beziehen sich auf das Nahe, auf die Anwesenden. Keiner ist in Miqat abwesend. Gott, Abraham, Mohammad, die Menschen, der Geist, die Auferstehung,  das Paradies, die Erlösung, die Freiheit und die Liebe sind allgegenwärtig. 
Nun stehst Du da im Gewand Adams, in dem Gewand der Menschen, der Einheit, in der prachtlosen  Reinheit des Todes, der Auferstehung, und erlebst eine neue Geburt. 
lhram! 
Aus dem Paradies vertrieben, durch Satan irregeführt, auf die Erde verbannt, zu Einsamkeit und den Qualen des irdischen Lebens verurteilt, bist Du nun Adam, beschämt und Vergebung suchend, zu Gott zurückgekehrt, um zu Dir selbst zu finden. Du bist nicht mehr fahrlässig und zügellos. Du hast Dir bewusst und freiwillig Einschränkungen auferlegt; ein Determinismus nach freier Wahl. Nun bist Du gebunden und verantwortlich, Du bist im Zustand der Weihe, an einem geheiligten und unverletzlichen Ort, Du befindest Dich auf dem Wege zu einem Heiligtum in einer geheiligten Zeit, in einem geheiligten Gewand, ja, an einem Ort der Verbote. 
Ihram heißt verbieten. Was wird Dir verboten? 

 

 

Muharramat (verbotene Handlungen) 

 

Alles, was an Dich erinnert, alles, was Dich von anderen trennt, alles, was auf Dein Leben und Deine Arbeit hinweist, alles, was auf Deine soziale Stellung und Deine Welt hindeutet, alle Dir liebgewordenen weltlichen Gewohnheiten, alles Unmenschliche, alles Tagtägliche, alles, was an Dein Leben vor Miqat erinnert, alles, was Dich mit Deiner vergrabenen Vergangenheit verbindet, ist verboten: 
 1.  Schaue nicht in den Spiegel, damit Du Dein Bildnis nicht siehst und vergisst, dass es Dich gibt! 
 2.  Benutze oder rieche kein Parfum, damit Du nicht an das Leben erinnert wirst, Sehnsüchte in 
      Dir nicht wachgerufen und Vorstellungen von weltlichen Vergnügungen nicht assoziiert 
      werden, denn hier ist alles von himmlischem Geruch erfüllt, atme es ein und lass Dich vom Duft 
      der Liebe betäuben! 
3.   Gib  keine Anordnungen, erwecke die  Brüderlichkeit zum Leben und übe die Gleichheit! 
4.   Quäle kein Tier, auch dann nicht, wenn es ein Insekt ist, vertreibe es nicht, lebe in der Welt 
      der Kaiser einige Tage wie Jesus! 
5.   Reiße die Pflanzen der geheiligten Erde nicht aus, brich sie nicht ab, lerne mit der Natur in 
      Frieden zu leben, töte den Aggressions- und Zerstörungstrieb in Dir ab! 
6.   Gehe nicht auf die Jagd, bekämpfe die Grausamkeit in Dir! 
7.   Gib  Dich  der körperlichen  Liebe  nicht hin,  blicke nicht begehrlich, damit Du von der 
      wahren Liebe beseelt wirst! 
8.   Heirate nicht und nimm an der Eheschließung eines anderen nicht teil! 
9.   Schminke Dich nicht, damit Du Dich so siehst, wie Du bist! 
10. Lüge nicht, sei nicht streitsüchtig und arrogant, fluche nicht! 
11. Lege kein genähtes oder halbgenähtes Gewand an, kein einziger Faden darf an Deinem lhram 
      sein, um jeden Unterschied und jede Selbstdarstellung zu vermeiden! 
12. Trage keine Waffen, aber wenn es unvermeidlich ist, trage sie nicht sichtbar! 
13. Schütze Deinen  Kopf nicht vor der Sonne, denn Sonnenschirme und alle Gegenstände, die 
      Schatten spenden, sind verboten ! 
14. Bedecke die Oberfläche  Deiner  Füße weder mit Schuhen noch mit Socken! 
15. Trage keinen Schmuck! 
16. Bedecke nicht Deinen Kopf! 
17. Schneide nicht Dein Haar! 
18. Gehe nicht in den Schatten! 
19. Schneide nicht Deine Nägel! 
20. Benutze keine Cremes! 
21. Vergieße weder eigenes noch fremdes Blut! 
22. Ziehe keine Zähne! 
23. Schwöre nicht! 
24. Bedecke nicht Dein Gesicht (Frauen)! 

Die Wallfahrt hat begonnen; die Fahrt zur Kaaba! Eile zu Gott im Zustand der Weihe und sprich: Labbaika! (Hier bin ich). Gott hat Dich gerufen, seinem Ruf folgend, bist Du gekommen und nun antwortest Du: Labbaika! 
Herrgott, hier bin ich, nur Dir gebührt das Lob, von Dir kommt die Gnade und Dir gehört das Reich, Du hast keinen Teilhaber. Hier bin ich! 
Dieses Eingeständnis ist gleichzeitig eine Absage an Verdummung, Ausbeutung und  Willkürherrschaft  - diese Trinität in der Geschichte - an die Füchse, Ratten und Wölfe, die die Menschen wie die Schafe regieren, die Schafe Gottes. 
Die Stimme Gottes ist in der Wüste allgegenwärtig. Sie ist zwischen Himmel und Erde überall zu vernehmen; jeder hört sie und fühlt sich angesprochen, und jeder ruft aus der Tiefe seines Herzens: 
Labbaika, allahumma labbaika! (Herrgott, hier bin ich). 
Wie ein Metallstäubchen in einem Magnetfeld fühlst Du Dich von einer unwiderstehlichen Kraft angezogen, Du fühlst Deine Füße nicht mehr. Es ist, als ob Du getragen wirst und gemeinsam mit anderen wie Vögel in großen Scharen zum Himmel emporfliegst, auf dem Wege zu Me'radsch . 
Du näherst Dich der Kaaba! Je näher Du kommst, desto aufgeregter wirst Du. Wie ein verwundetes wildes Tier pocht Dein Herz in Deiner Brust. Du hast das Gefühl, dass Du über Dich hinauswächst. Dein Herz fließt vor Begeisterung über; Du fühlst Dich, als ob Deine Haut zu eng für Dich wäre. Deine Augen füllen sich mit Tränen.  Langsam versinkst Du in einer göttlichen Atmosphäre. 
Die Gegenwart Gottes fühlst Du unter Deiner Haut, in Deinem Herzen, in Deinen Sinnen, in Deiner Seele, im Schimmern eines jeden Sandkörnchens, auf den Felsen, im Tal, im verschwommenen Horizont und in der Tiefe der Wüste. Nur Ihn siehst Du und nur Ihn findest Du, weil Er allein existiert, alles andere ist unwirklich. 
Es sind Wellen und Schäume. Die Wüste ist vom Regen der Liebe fruchtbar geworden, hier wirst Du nicht auf Rosen gebettet, sondern von der Liebe ergriffen. Du bewegst Dich fort und spürst, wie Du entschwindest. Du entfernst Dich von Dir und kommst Ihm immer näher. Nun ist Er alles, und Du bist nichts anderes als eine blasse Erinnerung dessen, was Du in Miqat abgeworfen hast, als Du befreit von der Last des Ich zum Treffpunkt aufgebrochen bist. 

Du spürst, dass Du nicht mehr bist. Nur die Begeisterung für die Bewegung in eine einzige Richtung ist von Dir übrig geblieben. Du bewegst Dich vorwärts und darfst keinen Schritt zurückkehren. 
Ihm bist Du zugewandt; Ihn nimmst Du in Dir auf. Du wirst aufgesaugt wie die Wolken von der heißen Sonne der Wüste. Die Schöpfung erscheint wie ein pochendes Herz, Gott ist allgegenwärtig im Raum und in Dir. 
Die Wüste ist vom Regen der Liebe fruchtbar geworden, hier wirst Du nicht auf Rosen gebettet, sondern von der Liebe ergriffen. In der näheren Umgebung von Mekka angekommen, findest Du einige Hinweise, welche die Grenze des geweihten Ortes markieren. Mekka ist ein geweihter Ort (Haram). Krieg und Aggression sind dort verboten. Wer vor dem Feind flüchtet und in Haram Zuflucht nimmt, bleibt von der Verfolgung verschont. Jagen, das Schlachten 
von Tieren, ja sogar das Ausreißen von Pflanzen ist an diesem Ort verboten. Nach der Eroberung von Mekka und der Abschaffung des Götzendienstes in der Kaaba hat der Prophet dieses Gebiet eigenhändig neu markiert und somit eine alte Tradition über die Unzulässigkeit  des  Krieges  und des Tötens in  diesem  Gebiet gewahrt. 
Du überschreitest die Grenze und betrittst das geweihte Gebiet. 
Die begeisterten "Labbaika" Rufe, die  ihren  Höhepunkt erreicht haben, verstummen plötzlich. 
Es herrscht eine erwartungsvolle Stille. Du bist angekommen! Hier ist Er, der Dich gerufen hat. Du bist in Seinem Haus angekommen. Sei still, still in Seiner Gegenwart, an dem geweihten Ort, in Gottes Haram. 
Erfüllt von der Sehnsucht nach der Kaaba gehst Du weiter. Nun bist Du in der Stadt. Die von Bergen umgebene Stadt gleicht einer großen Schüssel. Jedes Tal, jede Straße und jede Gasse führt zu diesem  großartigen  Haus.  Dort  liegt  die  Kaaba  inmitten der Masdschid al-Haram. Der Weg führt Dich in zahlreichen Windungen ins Tal hinunter und bringt Dich der Kaaba näher. Du reihst Dich unauffällig in die Menge ein und lässt Dich von der Menschenflut zur Masdschid 'al-Haram  treiben. Je weiter Du hinuntersteigest, desto näher kommst Du dem Erhabenen. Die Erhabenheit, insbesondere die göttliche, vermuten wir gewöhnlich auf den Höhen. Hier dagegen musst Du absteigen, um Ihm näher zu kommen. Nur durch Demut und Bescheidenheit kannst Du Würde und Erhabenheit erreichen. Suche Gott nicht im Himmel und im Jenseits, sondern auf der Erde und in den Niederungen, in der tiefen Stofflichkeit des Steines. Du musst den rechten Weg zu Ihm finden, ja, Du musst lernen, richtig zu sehen. Die Fahrt auf diesem Wege symbolisiert vielleicht das Schicksal des Menschen, seinen Abstieg tief in die Erde (Begräbnis) und seinen Aufstieg zu Gott  (Auferstehung). 

 

Nun ist die Kaaba nicht mehr weit entfernt. Es herrscht eine feierliche Stille, Du bist in Gedanken versunken und von Liebe erfüllt. Mit jedem Schritt steigt Deine Erregung. Du spürst den ständig wachsenden Druck Seiner Gegenwart. Das Atmen fällt Dir schwer. Gespannt und verwirrt blickst Du mit weit geöffneten Augen nach vorn. Vor Dir liegt Qibla. Oh, wie schwer ist doch diese Begegnung!  Diese überwältigende Größe ist nicht leicht zu ertragen. 
Wird das Dein empfindsames Herz aushalten? 
Nach jeder Kurve, die Du hinter Dir lässt, während Du ins Tal hinuntersteigest, schlägt Dein Herz höher: Bald ist es soweit! Die  Kaaba, der Wegweiser unseres  Daseins, unseres Glaubens, unserer Liebe und unserer täglichen Gebete. Sie ist richtungweisend für uns auf der Erde und darunter. Die Lebenden wenden sich ihr zu, wenn sie beten, und die Toten werden in dieser Richtung begraben. Noch bist Du einige Schritte von ihr entfernt; bald wirst Du vor ihr stehen. 

 

 

Die Kaaba 
 
Du stehst an der Schwelle der Masdschid al-Haram. Nun liegt die Kaaba vor Dir, ein hohler Würfel mitten in einem geräumigen Hofe, sonst nichts. Ein Schauder des Erstaunens überfällt Dich plötzlich. 
Du wunderst Dich über das, was Du siehst. Dort ist niemand, dort gibt es nichts zu sehen außer einem leeren Raum. 
Widerstrebende  Gefühle  bewegen  Dich.  Ist  das  die  Richtung unseres Glaubens, unserer Liebe, unserer Gebete? Ist das unser Wegweiser im Leben und im Tod? Schwarze und unbearbeitete Steine aufeinander gelegt und die Fugen ungeschickt verstrichen, das ist alles! 
Plötzlich erwachen quälende Zweifel in Dir. Was ist hier, wo sind wir? Einen Palast in seiner architektonischen Schönheit hätte ich mir noch vorstellen können. Ich hätte es verstanden, wenn es sich um einen Tempel mit einer schöpferisch gestalteten hohen Kuppel voller Schönheit gehandelt hätte, wo transzendentale Stille und Erhabenheit herrscht, ich hätte es auch noch verstanden, wenn dies das Grab einer großen Persönlichkeit, eines genialen Helden, eines Propheten oder eines Imam wäre. 
Aber das hier . . . ? Ein leerer Raum mitten auf dem Platz. Keine architektonische  Besonderheit,  keine  Kunst,  keine  Schönheit, keine Inschrift und keine Stuckarbeit. Nicht einmal das Grabmal eines Propheten, eines Imam oder eines Heiligen, das man hätte besuchen können, um sich später an ein konkretes Bezugsobjekt seiner Gefühle und Bindungen zu erinnern. Hier gibt es nichts und niemanden. 
Plötzlich verstehst Du alles. Du bist froh, dass es hier niemanden  und nichts gibt. Nichts kann Deine Gefühle beeinträchtigen. Die Kaaba erscheint Dir wie ein hohes Dach, wie eine Startbahn zum Fliegen. Sie beflügelt Deine Gefühle, welche bald die Kaaba verlassen, um Dich dem Absoluten und dem Ewigen näher zu bringen. 
Was Du in Deiner zerrissenen und unvollkommenen Welt weder finden noch fühlen kannst und worüber Du nur philosophierst, kannst Du nun hier sehen: das Absolute, das Ewige, das Richtungslose und Ihn. 
Wie gut, die Kaaba leer vorzufinden. Allmählich wird Dir klar, dass Du nicht gekommen bist, jemanden hier aufzusuchen. Hier ist keine Endstation. Der Schwarze Stein an der Kaaba ist ein Wegweiser. Er zeigt Dir nur die Richtung. Du bist auf dem Wege zur Absolutheit und zur Ewigkeit; eine ewige Fahrt zu Ihm hin, nicht nur bis zur Kaaba. Die Kaaba ist nicht das Ende, sondern der Anfang. Nur Dein Unvermögen, Dein Tod und Dein Stillstand signalisieren die Endlichkeit. Hier ist jedoch alles richtungsorientierte Bewegung. 
Hier ist der Treffpunkt, der Treffpunkt zur Begegnung mit Gott, Abraham, Mohammad und den Menschen. Und Du? Solange Du an Dich selbst denkst, bist Du hier abwesend. Werde ein Mensch, Du trägst das Gewand der Menschen. Die Menschen sind die Ehre Gottes, ja, sie sind Seine Familie. Gott ist auf die Ehre Seiner Familie bedacht, mehr als jeder andere. Und hier ist Sein Heiligtum, Sein Haus, das Haus der Menschen. 
Das erste (Gotteshaus, das den Menschen aufgestellt worden ist, ist dasjenige in Bakka (Mekka), aufgestellt zum Segen und zur Rechtleitung für die Menschen in aller Welt. 
Und Dir, solange Du an Dir selbst festhältst, ist der Zutritt zu diesem Heiligtum verwehrt. 
Die Kaaba wird Baiti atiq (befreites Haus) genannt. Ein Haus, das aus der Gewalt der Unterdrücker und Herrscher befreit worden ist. Es ist niemandes Privatbesitz; es ist das Haus Gottes, bewohnt von Menschen. 
Entfernst Du Dich 24 Kilometer von Deinem Wohnsitz, so musst Du als Reisender das gekürzte Gebet verrichten, nicht jedoch in Mekka. Dort muss Dein Gebet vollständig sein, auch wenn Du vom anderen Ende der Welt gekommen sein solltest. Dort bist Du zu Hause, Du bist in Dein Heim zurückgekehrt. Fremd warst Du in Deinem eigenen Land, entwurzelt und in die Fremde verbannt. 
Nun bist Du an Deinen wahren Geburtsort heimgekehrt. 
Die Menschen, die Familie Gottes, sind hier zu Hause. Und Du, egozentrisch wie Du bist, bleibst ein Fremder ohne Bindungen, ein Außenseiter ohne Hoffnung, ein Obdachloser ohne Zuflucht. Entledige Dich Deiner Ichsucht, lege sie an der Tür ab. Betrete das Haus, sei ein Mitglied der Familie. Hättest Du das Ich schon in Miqat begraben, wärest  Du  ohne weiteres in diesem Haus als Freund, als Verwandter, als Mitglied der Familie Gottes aufgenommen worden, hättest Du die Anwesenheit Abrahams an der Türschwelle gespürt, dieses ältesten Rebellen der Geschichte, des Lästerers gegen die irdischen Götter, des großen Verliebten und des ergebensten Dieners des einzigen Gottes. Eigenhändig baute er dieses Haus. In seiner Bauart ist es ein Zeichen Gottes auf Erden. Die schwarzen Steine sind aus dem in der Nähe von Mekka gelegenen Berg Ajun herausgeschlagen und ohne jede künstlerische Gestaltung aufeinander gelegt worden. Seine Bezeichnung ist ebenso einfach, es heißt: Kaaba, Würfel, sonst nichts. Warum ist es so einfach und weist keine Farbe und kein schmückendes Beiwerk auf? Weil auch Er in unsere Vorstellung von Farbe und Gestaltung nicht hineinpasst. Was wir auch gestalten und uns vorstellen, ist nicht Gott. Gott ist absolut und richtungslos. Nur Du musst Ihm gegenüber eine Richtung einschlagen, Du richtest Deinen Blick auf die Kaaba, die selbst keine Richtung hat. Das Fehlen einer Richtung ist durch die menschliche Vorstellung nicht erfassbar. Alles, was als Zeichen Seines richtungslosen Wesens in unserer Vorstellung Gestalt annimmt, weist schon eine Richtung auf und kann Ihn nicht symbolisieren. Wie kann eine Vorstellung von dem Fehlen jeglicher Richtung auf der Erde vermittelt werden? Indem alle gegensätzlichen  Richtungen auf einmal  auftreten, damit jede  Richtung durch ihr Gegenteil aufgehoben wird und der Eindruck der Richtungslosigkeit entsteht. Mit sechs Seiten hat der Würfel die angemessene Struktur, diese Vorstellung zu vermitteln; sie bezieht alle Richtungen ein, und gleichzeitig zeigt ihre Summe keine Richtung auf. Die Kaaba ist das konkrete Symbol dieser Vorstellung. 
Wohin Ihr Euch wenden möget, da habt Ihr Gottes Antlitz vor Euch (Qur'an 2/115). 
An der Kaaba betest Du nur zu Ihm, welche Gebetsrichtung Du auch nimmst. Jede andere Struktur außer der Kaaba zeigt nach Norden, Süden, Osten, Westen, nach oben oder unten. Die Kaaba hingegen zeigt in alle Richtungen und doch in gar keine. Als ein wahres Symbol Gottes hat sie viele Richtungen und doch keine bestimmte. 
Da stellst Du erstaunt fest, dass eine halbkreisförmige kleine Mauer auf der westlichen Seite der Kaaba angebaut worden ist. Sie gibt ihr eine Richtung und wird Ismaels Hijr genannt. Hijr bedeutet Rock (Schoß). Die halbkreisförmige Mauer ist in der Tat einem Rock ähnlich, dem Rock einer Frau. 
Es handelt sich um eine Frau aus Abessinien, eine schwarze Magd von niederer Herkunft, die von einer Frau neidlos als Bettgenossin ihres Mannes ausgesucht wurde. Sie war es nicht wert, als Nebenbuhlerin betrachtet zu werden, und der Mann hatte sie nur genommen, weil er sich ein Kind wünschte; eine Frau, der in jeder Gesellschaftsordnung die Menschenwürde abgesprochen wurde. 
Und nun hat Gott das Symbol ihres Rockes mit dem Symbol Seines Wesens verbunden. Es deutet auf den Rock Hajars hin, dort, wo Ismael aufwuchs. Das Haus Hajars befindet sich dort. Ihr Grab liegt neben der dritten Säule der Kaaba. 
Das ist erstaunlich, denn niemand, nicht einmal die Propheten, darf in den Moscheen begraben werden; und hier grenzt das Haus Gottes an das Haus einer Magd, ja, es wird zur Grabstätte einer Mutter. Nur hier ist eine Richtung zu erkennen. Die Kaaba erstreckt sich bis zu diesem Symbol. 
Zwischen dem Halbkreis und der Kaaba befindet sich heute ein schmaler Durchgang. Bei dem Rundlauf um die Kaaba hätte man diesen Durchgang benutzen können, doch ohne die Umschreitung auch dieses Teiles der Kaaba gilt der Rundlauf nicht als Haddsch, das Gebot Gottes ist nicht erfüllt. 
Zu allen Zeiten mussten die Menschen, die an die Einzigkeit Gottes glaubten und seinem Gebot Folge leisteten, diesen Rock umschreiten, wenn sie die Stätte der Liebe umwanderten, denn auch das Haus von Hajar, ihr Grab und ihr Rock sind Drehpunkte des Rundlaufes; sie sind ein Teil der Kaaba.  Die  Richtungslosigkeit der Kaaba hört hier auf, an dem Rock einer afrikanischen Magd, einer guten Mutter. Hier ist der Schoß der Kaaba, der Dreh- und Angelpunkt der Menschheit. 
Der einzige Gott ist in Seiner ruhmreichen Allmacht allein, Er steht jenseits alles Existierenden. Er braucht nichts und niemanden, und doch hat Er unter all Seinen unzähligen Geschöpfen eines auserwählt: den Menschen; und unter allen Menschen eine Frau, unter allen Frauen eine Sklavin und unter allen Sklavinnen eine schwarze Magd.  Das am meisten erniedrigte Seiner Geschöpfe hat einen Platz an Seiner Seite gefunden, ist bei Ihm zu Hause. Oder ist Gott zu ihrem Haus gekommen, ihr Nachbar, ja, ihr Hausgenosse geworden? Unter einem Dach begegnen wir Gott und Hajar. Auf diese Weise wird der unbekannte Soldat in einer monotheistischen Gemeinschaft auserwählt. 
Das Ritual der Wallfahrt ist mit der Erinnerung an Hajar aufs engste verbunden. Hidschra (Auswanderung), eine der bedeutendsten Handlungen, geht wie Hajar auf denselben Wortstamm zurück. 
Muhajir, das ideale Geschöpf Gottes, handelt nach dem Vorbild Hajars. Der Auswanderer ist jemand, der wie Hajar handelt (der Prophet). 
Dann ist also Hidschra (Auswanderung) eine Handlung nach dem Vorbild Hajars, und im Islam bedeutet sie den Übergang von der Barbarei zur Zivilisation, das heißt, vom Unglauben zum Islam, wie auch die Arabisierung nach der Hidschra  den Verfall in die Barbarei bzw. den Rückfall in den Unglauben bedeutete. Der Unglaube ist also gleich Barbarei und die Religion gleich Zivilisation. 
Hijr bedeutet in der Muttersprache Hajars Stadt. Hier wird Hajar, die afrikanische Frau, eine schwarze abessinische Sklavin, zum  Symbol der Zivilisation. Die Auswanderung, die Handlung nach ihrem Vorbild, ist also der Aufbruch zur Zivilisation. 
Auch bei der Bewegung des Menschen um Gott bildet Hajar einen Mittelpunkt. Auf Deiner Wanderung zu Gott vollziehst Du den Rundlauf um die Kaaba und den Schoß Hajars. Was Du siehst, kannst Du nicht begreifen. Gott im Hause einer schwarzen afrikanischen Sklavin? Das geht über den Horizont des Menschen im Zeitalter der Freiheit und des Humanismus. 

 

 

Tawaf (Rundlauf um die Kaaba) 

 

Die Menschenmenge kreist um die Kaaba wie ein tosender Strudel. 
Alles bewegt sich um sie, nur sie ist regungslos; eine Sonne im Zentrum der Sterne, die ihre Kreise um die Sonne ziehen. Beständigkeit, Bewegung und Disziplin gleich Umwandern. 
Symbolisiert diese Gleichung das Teilchen in einem großen Ordnungssystem oder das Universum in der monotheistischen Weltanschauung? Gott ist das Zentrum der Welt, Er ist der Mittelpunkt der  Existenz, der Dreh- und Angelpunkt dieses Kreislaufes. In diesem Ordnungssystem bist Du ein Teilchen, das sich ständig in Bewegung befindet, sich wandelt und doch in allen Positionen und zu allen Zeiten einen gewissen Abstand halten muss. Die Entfernung zu Ihm hängt von dem Weg und dessen Radius ab, den Du zu Ihm eingeschlagen hast. Auch die Kaaba berührst Du nicht, dort kannst Du Dich nicht aufhalten. Für Dich gibt es keinen Stillstand. 
Es gibt keinen Pantheismus, sondern Monotheismus. Der Strudel der Menschen kreist um die Kaaba, und die Menschen sind nur in ihrer Gesamtheit zu erkennen. Mann und Frau, Du und ich sind nicht zu erkennen. Das Individuum ist in der Gesamtheit aufgegangen, nicht in Gott, sondern in der Menschheit, ja, in der Gemeinschaft. Eine Entwerdung auf dem Wege zu Ihm, für Ihn und um Ihn; die Entwerdung des Menschen als Individuum und sein Fortbestand in der Gemeinschaft, denn Gott und die menschliche Gemeinschaft gehören zusammen. Der Weg zu Gott führt über die Menschen. Individualismus und Einsamkeit führen nicht dorthin. Nicht im Kloster, sondern in der Gesellschaft sollst Du Askese üben.  Am  Orte des Geschehens und um der Menschen willen 
kannst  Du  durch  Nächstenliebe, Aufrichtigkeit, Selbstlosigkeit, Leidensfähigkeit und durch das Aufdichnehmen von Entbehrungen und Gefahren zu Gott finden, denn: In jeder Religion gibt es eine Art Askese. Die Askese meiner Religion ist Dschihad  (der Prophet) 
Aus diesem Grunde kannst Du während des Tawaf (Rundlaufs) die Kaaba nicht betreten, dort Halt machen oder sitzen bleiben. Du musst in die Menge hineingehen, in der Masse der Umwandernden aufgehen und in den Strudel der Menschen hineintauchen. In dieser  Hingabe an  die Gemeinschaft der  Umwandernden,  in der Selbstaufgabe gegenüber der Gesamtheit liegt die eigentliche Bedeutung der Wallfahrt. So wirst Du zu einem Haddschi, so erfüllst Du das Gebot Gottes und findest den Weg zu Seinem Heiligtum, dem geweihten Ort. 
Die Kaaba ist umgeben von dem reißenden, weißen Strom der sie umkreisenden Menschenmenge, die einheitlich ohne Unterscheidung der Person dahin zieht. Hier kannst Du keinen wieder erkennen. Nur hier siehst Du die Ganzheit. 

 

Außerhalb der Kaaba ist sie nur ein subjektiver Begriff. Menschheit ist nur eine Vorstellung, eine Idee, ein abstrakter Begriff. In der Außenwelt gibt es nur Menschen; sie werden durch Namen, Geschlecht, Rasse und Nationalität unterschieden. Hier sind dagegen die Realitäten verwischt und subjektiv abstrakte Wahrheiten haben konkrete Gestalt angenommen. Hier kreist nur die Menschheit um die Kaaba und nichts anderes. 
Und Du, ichbezogen wie Du bist, stehst außerhalb des Tawaf. Du bist ein Zuschauer am Ufer dieser strudelnden Menschheit. Du bist unbeweglich, existierst also nicht. Du bist ein Fremder, ein Individuum, ein Nichts. Du wurdest aus Deiner Kreisbahn geworfen und hast Dein Dasein verloren. Du musst wieder da sein. Hier lernst Du durch Selbstlosigkeit, wieder zu sein. Durch ständige Hingabe an die  Ummah  (die  Gemeinschaft)  findest  Du  allmählich zu  Dir selbst. Du entdeckst Dich selbst, Dein wahres Ich. Es ist wie bei einem Martyrium. Durch die revolutionäre Hingabe Deines Lebens, durch das Blutzeugnis wirst Du zu einem ständig anwesenden Zeugen. Du führst ein ewiges Dasein. 
Und Du darfst ja nicht meinen, dass diejenigen, die auf Gottes Weg getötet worden sind, (wirklich tot sind. Nein, sie leben und für sie wird bei ihrem Herrn gesorgt (Qur'an 3/169). 
Weil der Weg Gottes der Weg der Menschen ist, führt kein Weg zu Ihm über den Individualismus. Aber was ist mit den Gebeten, die jeder einzeln verrichtet? Sie dienen dazu, Dich zur Selbstlosigkeit zu erziehen, so dass Du die Fähigkeit erlangst, Dich für die Gemeinschaft aufzuopfern, um ein Mensch zu werden, denn das Individuum ist vergänglich. Nur der Mensch bleibt. Der Mensch ist Stellvertreter Gottes auf Erden und wird es auch bleiben, solange es den einen Gott gibt. Und Du wirst ewig leben, wenn Du Dich in dieser Unendlichkeit auflöst, denn ein Tropfen Wasser, der nicht ein Teil des Meeres oder des Flusses ist, ist wie der Tau, dessen Leben nur eine Nacht lang währt und der von den ersten Sonnenstrahlen aufgesogen wird, weil er stillsteht. Schließe Dich dem 
Flusse an, damit Du fließen und das Meer erreichen kannst. Warum bist Du stehen geblieben wie der Tau? Schließe Dich diesem wohlklingenden und wogenden Strom an, dessen Ordnung an die Harmonie der Schöpfung erinnert. 
Willst Du Dich nun den Menschen anschließen, so erkläre Deine Absicht, damit Du Dir bewusst bist, was Du tust und warum. Du tust es nicht für Dich selbst, sondern für Gott; nicht der Politik wegen, sondern der Wahrheit wegen. 
Jede Handlung bekommt hier einen Sinn. Eine strenge Ordnung herrscht in dieser ständigen Bewegung; sie ist ein Sinnbild dieser Welt. 

 

 

Der Schwarze Stein, das Treuegelöbnis  

 
Am Fuße des Schwarzen Steines beginnt der Tawaf; hier wirst Du ein Teil des Universums. Du schließt Dich den Menschen an und gehst in ihnen auf wie ein Tropfen Wasser im Ozean. Du findest Deine Umlaufbahn und setzt Dich in Bewegung zu Gott hin auf dem Wege der Menschen. 
Zuerst musst Du den Schwarzen Stein mit der rechten Hand berühren und Dich dann unverzüglich von den Wogen des Strudels treiben lassen. Dieser Stein ist das Sinnbild einer Hand, einer rechten Hand, der rechten Hand Gottes. 
Der Schwarze Stein ist die rechte Hand Gottes auf Erden (der Prophet) 
Der einzelne Mensch, um seine Existenz zu sichern, und der einzelne Stamm, um in der Wüste überleben zu können, schlossen mit dem Stammesführer bzw.  mit anderen Stämmen Verträge. Sie waren Vertragspartner in einem Freundschafts- und Beistandspakt. 
Die Einzelnen schlossen wegen eines Vorhabens oder einer Zielvorstellung mit dem Stammesführer einen Vertrag; er hieß: Treuegelöbnis. Er wurde geschlossen, indem die betreffende Person ihre rechte Hand in die rechte Hand des Stammesführers legte, ihm auf diese Weise die Huldigung entgegenbrachte und sein Vertragspartner wurde. Nach bestehendem Brauch war sie ihrer früheren Treuepflichten entledigt, sobald sie einem anderen Führer die Hand reichte.  Nun,  in  dem  entscheidenden  Augenblick,  in dem Du Deinen Weg, Dein Ziel und Dein Schicksal bestimmst, zu Beginn der Hingabe Deines Selbst und des Einswerdens mit den Menschen, lege das Treuegelübde vor Gott ab, ergreife die rechte Hand Gottes, die Dir entgegengestreckt ist. Bringe Ihm die Huldigung entgegen, werde Sein Vertragspartner, löse Deine früheren Gelöbnisse und Bindungen, erkläre alle Verträge, die auf der Basis der Macht, des  Reichtums und des Betruges geschlossen worden sind, für nichtig,  befreie  Dich von den  Verpflichtungen gegenüber den irdischen  Göttern, den Stammesführern, den  Aristokraten  der Qureisch und den Hauseigentümern, denn Gottes Hand ist (bei ihrem Handschlag mit Dir über ihrer Hand (Qur'an 48/10). 
Berühre Gottes Hand, sie ist über der Hand derer, die Dir in früheren Bündnissen die Hände gebunden hatten. Nun bist Du von allen anderen Gelöbnissen befreit. Du hast Gott die Hand gereicht und Dein ursprüngliches Gelübde erneuert. 
Du bist Vertragspartner Gottes und stehst im Wort. Schließe Dich den Menschen an, bleibe nicht stehen, setze Dich in Bewegung, suche Deine Umlaufbahn, treffe Deine Wahl, tauche in die Menge hinein, verrichte den Tawaf, trete ein! 
Wie ein Bächlein, das in einen mächtigen und reißenden Strom fließt, bewegst Du Dich fort, lässt Du das Ich hinter Dir zurück, schließt Du Dich der Gemeinschaft an, umkreist Du das Haus, wobei Du einen möglichst kurzen Radius anstrebst. Du fühlst Dich nicht allein, Du bewegst Dich in der Gemeinschaft, allmählich hast Du das Gefühl, dass Du Dich nicht bewegst, sondern von der Gemeinschaft bewegt wirst. Die Füße, die Dich als Individuum aufrecht hielten, sind frei und entlastet; sie tragen Dich nicht mehr. 
Du wirst von der Woge der Begeisterung und der Anziehungskraft der Gemeinschaft getragen; Du bist nicht mehr. Es gibt nur noch die Gemeinschaft. Je weiter Du in die Mitte rückst, um so stärker wird der Druck. Die Gemeinschaft kann das Ich in Dir nicht vertragen.  Du  wirst aufgerieben  und  aufgelöst  und gehörst dem lebendigen, ewigen und beweglichen  Körper der Gemeinschaft. 
Du bewegst Dich nicht zu Dir, sondern zu ihr. Du schließt Dich der Gemeinschaft an, nicht aus Berechnung, sondern aus Liebe. 
Siehe Abrahams Gott, wie er das Verhältnis Seines Dieners zu sich mit dessen Verhältnis zur Gemeinschaft in Verbindung bringt. Auf welch eine tiefsinnige Weise führt Er Dich durch die Anziehungskraft Seiner Liebe zu der Gemeinschaft. Hier suchst Du die Begegnung mit  Gott und findest Dich im Menschengewühl. Seinem Gebot folgend, bist Du in Sein Haus zu einem Privatbesuch gekommen. Nun, nachdem Du den langen Weg gemacht hast, wird Dir bedeutet, Dich der Gemeinschaft anzuschließen, das Haus nicht zu betreten, am Hause nicht stehen zu bleiben, ja, nicht auf das Haus zuzugehen, sondern Schulter an Schulter mit anderen Menschen vorbeizuziehen und, den Blick nach vorne gerichtet, die Kaaba zu umkreisen; denn das Verlassen der Umlaufbahn in Richtung der Kaaba macht den Tawaf ungültig. Bleib nicht stehen, weiche nicht 
nach rechts oder links, kehre und blicke nicht zurück. Du ziehst an der Kaaba vorbei und darfst sie nicht besuchen. Du darfst Dich nicht nach der Qibla umdrehen, denn sie ist immer vor Dir. 
Nun bist Du ein Teil der Schöpfung geworden, Du befindest Dich in der Umlaufbahn dieses Sonnensystems, Du kreist um die Sonne der Welt (Kaaba) wie ein Himmelskörper, Du drehst Dich um Gott und allmählich fühlst Du  Dich nicht mehr. Nur das Gefühl der Liebe und der Liebesbegeisterung übermannt Dich. Du bist hingerissen! Du kreist und kreist und siehst außer Ihm keinen. Du bist nichts und fühlst doch Deine Existenz. Du existierst und fühlst doch, dass Du nicht mehr bist. Du warst nur ein Punkt und nun bist Du eine fortlaufende Linie, die ständig in Bewegung ist, um Ihn und zu Ihm. Du bist die Zuversicht und die Hingabe selbst, dies ist höher als jede Freiheit, ein Zwang, den Du frei gewählt 
hast. 
Die Liebe hat ihren Höhepunkt erreicht; sie ist absolut. Du hast Dich von Deinem Ich losgelöst. Allmählich näherst Du Dich Ihm immer mehr. Du bist von Kopf bis Fuß Liebe. Du gibst Dich hin. 
Wollten wir die Liebe als eine Art Bewegung interpretieren, so würden wir an die Schmetterlinge erinnert. Die Kaaba ist der Mittelpunkt Deiner Liebe und Du ziehst wie ein Zirkel Kreise um sie. 
Da ist Hajar, unser Vorbild. Gott, die große Liebe und Stütze der Menschheit, hat ihr befohlen, ihre Heimat mit ihrem Säugling zu verlassen, um in ein entsetzliches Tal des Schreckens auszuwandern, wo nicht einmal Disteln wachsen. Hingebungsvoll folgte sie diesem Gebot, das nur aus Liebe befolgt und verstanden werden kann. 
Eine einsame Frau mit ihrem Kind in einem abgelegenen Tal, umgeben von kahlen, verbrannten Bergen und vulkanischen Gesteinen. 
Ohne Wasser, ohne Zufluchtsstätte, verlassen, aber warum? Er hat es gewollt, Er hat absolute Zuversicht verlangt, die durch Verstand, Berechnung und Logik nicht erfasst werden kann. Ohne Wasser kann sie nicht existieren. Das Kind braucht Milch und sie die Gesellschaft eines anderen Menschen. Als Frau und Mutter braucht sie einen Beschützer. Doch wer von Liebe beseelt ist, nimmt Entbehrungen auf sich. Der von der Liebe zu Gott erfüllte Mudschahed kann seinen Kampf auch mit bloßen Händen führen. 
Ihr, die Einsamen, Mutter und Kind, verlasst Euch auf Ihn! Nehmt Zuflucht zur Liebe, habt Gottvertrauen! 
Nach der 7. Runde des Umlaufs beendest Du den Tawaf. Die Zahl Sieben ist nicht nur die Summe von sechs und eins, sie erinnert vielmehr an die Schöpfung. Dein Tawaf um Gott, das heißt, Deine Hingabe an die Menschen, ist ein immerwährendes, unendliches Fortschreiten auf dem Wege der Menschen. 
Hast Du Dich während des Tawaf nicht als ein Teil des Universums gefühlt? Ist der Tawaf um einen Mittelpunkt nicht eine eindrucksvolle Demonstration der Existenz? Eine anschauliche Interpretation des Monotheismus durch Bewegung? 
Nun verrichtest  Du  ein zweiteiliges Gebet in Maqam Ibrahim (Stätte Abrahams). Maqam Ibrahim ist eine Stätte, in der ein Stein mit den Fußabdrücken Abrahams aufbewahrt wird. Er hat auf diesem Stein gestanden und den Hajar al-Aswad (Schwarzen Stein), den Grundstein der Kaaba, gelegt. Er stand dort und baute die Kaaba. 
Es ist eine ergreifende Szene. Bist Du Dir der Tragweite Deines Handelns bewusst? Was alles der Glaube an den einzigen Gott zur Folge hat! Einmal wirst Du bis zur Selbstaufgabe gedemütigt und zum Abschaum erniedrigt, ein  andermal hoch in den Himmel gehoben, neben Deinen Schöpfer gesetzt, zu Gott in Privataudienz geführt, Gottes Verwandter und Sein Ebenbild genannt. 
Du  wirst  geschlagen, verneint, aufgelöst, zerstört, gedemütigt, versklavt, unterworfen und dann doch gerufen wie ein Freund, Gefährte, Getreuer, Vertrauter, Zuhörer, die Krone der Schöpfung und ein Intimfreund. Es ist noch nicht lange her, dass Du massiven Vorwürfen ausgesetzt warst, als Du am Rande des Tawafgeschehens standest, nur an Dich selbst dachtest, abseits der Gemeinschaft auf eigenen Füßen standest und nur ein Zuschauer warst, denn ein reißender Strom bewegt sich und hat ein Ziel, er bleibt nicht stehen und wird nicht faulig, er fließt rauschend und reißt alles mit sich, und am Ende erreicht er das gelobte Land und verwandelt es in das Paradies. Du bleibst zurück, setzt Dich ab wie Bodensatz: fest, trocken und rissig (aus Ton gleich der Töpferware) Qur'an 55/141. Und Du überdeckst das Land, die Blumen und die Pflanzen (Verschleierung göttlicher Gnaden = Ungläubigkeit), und so vergräbst und vernichtest Du Tausende von Samen, die dazu bestimmt sind, aus der Erde zu sprießen, in den Himmel emporzuwachsen und der Sonne entgegenzueilen. 
Aber scheitern wird, wer es verkommen lässt ( Qur'an 91 /1) 
Der  Fluss rauscht lebenspendend wie Christus, und Du bleibst stehen in einem Loch, in dem Schlupfwinkel Deiner Individualität, im Tümpel des Egoismus, in der Zurückgezogenheit des Gefängnisses und hinter den Mauern des Individualismus. Es ist belanglos, ob Du Dich dabei vergnügst oder Enthaltsamkeit übst. Du wirst verkommen  wie  das stehende, faulige Wasser, der Wurm der Schlechtigkeit wird sich in Deinem Herzen einnisten und sich fortpflanzen, Deine Farbe wird sich verändern, Dein Gesicht wird entstellt sein und Du wirst zu einem stinkenden Sumpf: zu einer feuchten Tonmasse. 
Es wäre schön, den Stein zu überwinden, auch wenn Du mit dem Kopf dagegen anrennen musst, denn es fließt leicht, wenn Du die Ebene oder das Tal zu überqueren hast. 
Doch Dein Herz ist wie ein Sumpf, still, reglos und ungerührt. Fließe wie ein reißender Strom, überwinde und reiße alles mit. Pilgere, schließe Dich dem Strudel der umkreisenden Menschen an, verrichte den Tawaf. 
Nun, nachdem Du im Meer der liebenden Menschen und im Strudel der pilgernden Menschheit versunken warst und Dein ichbezogenes und vergängliches  Dasein wegen  des gottbezogenen und ewigen Daseins der Menschen aufgegeben hast, nachdem Du von den Wogen des Nichts-Seins getragen worden bist und auf dem Wege der Menschen in die göttliche Umlaufbahn gelangt bist und Dich in der ewigen und unendlichen Umlaufbahn befindest, nun bist Du wie Abraham. 

 

 

Abrahams Stätte  

 

Erhebe Dich aus der Versunkenheit des Tawafgeschehens! Lebe nach dem Tode, sei nach dem Nichts-Sein, gehe dort auf, wo Du untergegangen bist: am Horizont des eigenen Ich! Nun steigt Dein göttliches Ich, der Geist Gottes, der in Dir, in Deinem irdischen Wesen weilte, aus dem Strudel empor. Dort, an der rechten Hand Gottes, hast Du nach der Entwerdung Deines trügerischen Ich zu Deinem wahren Selbst gefunden. 
Im reinen und weißen Ihram, im Hause Gottes, in der Rolle Abrahams, stehst Du an dieser Stätte.  Du trittst in die Fußstapfen Abrahams, stehst vor Gott und betest zu Ihm. 

 

Abraham  war der größte  Götzenzerstörer der Geschichte, der Begründer des Monotheismus in der Welt, ein geduldiger Rebell, ein führender Aufrührer, ein Prophet, beauftragt, sein Volk mit Liebe und Weitsicht zu führen, aber auch mit der Axt in der Hand! 
In der tiefen Finsternis des Unglaubens leuchtet das Licht des Glaubens, aus den Niederungen der Vielgötterei wächst der Glaube an den einzigen Gott empor. Aus dem Hause Azars, des Götzenmachers seines Stammes, geht Abraham hervor, der Götzenzerstörer der Menschheit. 
Er zerstörte nicht nur die Götzen, sondern bekämpfte die Unwissenheit und Unterdrückung, er wandte sich gegen Stillstand, Friedhofsruhe und repressive Sicherheit. Er war der Vorkämpfer der Bewegung, die Quelle der Hoffnung, der Mann des Glaubens und der Begründer des Monotheismus. 
Auch Du bist Abraham! Betrete das Feuer, das Feuer der Unterdrückung und der Unwissenheit, um die Menschen daraus zu befreien. Jeder  verantwortungsbewusste Mensch muss diese Feuerprobe bestehen. Er ist verantwortlich für das Licht und die Erlösung. 
Doch der einzige Gott verwandelt das Feuer Nimrods für die Anhänger Abrahams in Rosen. Du wirst nicht verbrennen und nicht zu Asche werden, sondern zeigen können, wie weit Du Dich in Deinem Dschihad an das Feuer heranwagst und ob Du bereit bist, durchs Feuer zu gehen, um die anderen daraus zu befreien; ob du bereit bist, das schwerste Martyrium auf Dich zu nehmen. 
Du bist Abraham, opfere Deinen Ismael. Setze ihm das Messer mit beiden Händen an die Kehle; auf diese Weise bleiben die Menschen vor Deinem Messer verschont, Menschen, die an der Schwelle der Macht und des Reichtums geopfert werden. Setze das Messer an die Kehle Deines Ismael, um die nötige Kraft und Einsicht zu erlangen, dem Henker das Messer aus der Hand zu schlagen. Doch Abrahams Gott wird Ismael loskaufen. 
Du tötest ihn nicht, Du verlierst Deinen Ismael nicht, sondern zeigst lediglich, dass Du bereit bist, für Deinen Glauben eigenhändig Deinen Sohn zu opfern und noch mehr Leiden auf Dich zu nehmen als die des Märtyrertodes. 
Nun hast Du den Tawaf der Liebe verlassen und bist an der Stätte Abrahams angekommen. 
Als Abraham hier ankam, hatte er ein ereignisreiches Leben hinter sich. Er hatte Götzen zerstört, Nimrod bekämpft, die Qualen der Folter und des Feuers überstanden, seinen Sohn Ismael als Opfer dargeboten und war zu Auswanderung, Heimatlosigkeit und Einsamkeit  verurteilt.  Der  Prophet  hatte  den  Führungsauftrag (Imamat) übernommen. Sein Weg führte aus dem Individualismus in  die  Gemeinschaft.  Das Familienmitglied des Götzenmachers Azar wurde zum Erbauer der Stätte des Monotheismus. 
Und nun steht er hier, ergraut und beauftragt, in der letzten Phase eines Lebens, das zu Geschichte geworden ist, das Haus mit dem Schwarzen Stein, das Haus Gottes, zu bauen. Ismael ist sein Gehilfe. Er trägt die Steine und reicht sie dem Vater. Das Haus Gottes wird errichtet. 
Es ist seltsam, dass Ismael und Abraham mit der Erbauung der Kaaba beauftragt worden sind. Sie kamen beide bis an den Rand der Vernichtung; dieser wurde vor dem Feuer bewahrt und jener vor dem Opfertod. Nun sind sie beauftragt, den ältesten Tempel des Monotheismus auf Erden, das erste Haus der Menschen in der Geschichte, das Haus der Freiheit und die Kaaba der Liebe und Anbetung zu bauen. Haram ist ein Sinnbild der himmlischen Geborgenheit und der sittlichen Reinheit. 
Nun stehst Du an der Stätte Abrahams. Seinen Spuren folgend, steigst Du zu dem höchsten Punkt, den Abraham erreicht hatte. Dort ist er Gott am nächsten gekommen: in der Stätte Abrahams. Abraham, der Erbauer der Kaaba, der Architekt des Hauses der Freiheit, der Begründer des Monotheismus, der Kämpfer gegen die Götzen, der verantwortungsbewusste Führer des Stammes, der von Nimrod Verfolgte, kämpfte gegen Unwissenheit, Vielgötterei, die Versuchungen Satans und jeden heimtückischen Kerl, der den Menschen böse Gedanken einflüstert ( Qur'an 114/5). 
Nachdem er die Qualen der Verfolgung durchlitten, die Feuerprobe bestanden und seine Opferbereitschaft bewiesen hatte, baute er ein Haus - nicht für sich oder seinen Sohn Ismael, sondern für die Menschen, für Schutzsuchende, Verfolgte, Flüchtlinge und für diejenigen, die auf der ganzen Erde gehetzt werden und keine Zuflucht finden, denn Nimrods gibt es überall auf der Welt. Das Haus soll wie eine Fackel des Glaubens in der tiefen Finsternis der Unwissenheit leuchten. Es ist ein Symbol der Hoffnung für die Unterdrückten. 
Es bietet Geborgenheit, Sicherheit, Reinheit und Freiheit für die Menschen, für die Familie Gottes; denn andernorts herrscht überall Niedertracht und Unsicherheit. Die Erde ist zu einem Freudenhaus geworden: groß und schamlos. Sie ist in einen Schlachthof verwandelt worden, in dem nur Aggression und Diskriminierung herrschen. 
Und Du, der Du in der Rolle Abrahams erscheinst an der Stätte seines Wirkens, in seine Fußstapfen trittst und die Hand seinem Gott als Zeichen der  Unterwerfung entgegenstreckst, lebe wie Abraham! Sei der Architekt des Glaubens Deiner Zeit, hilf Deinen Leuten, sich aus dem Sumpf des Lebens herauszuziehen, wecke sie aus ihrem tiefen Schlaf, befreie sie vom Joch der Unterdrückung, führe sie aus der Finsternis der Unwissenheit, gib ihnen eine Zielrichtung, rufe sie zum Haddsch und lasse sie den Tawaf vollziehen. 
Und Du, der Verbündete Gottes, der Gefährte Abrahams, kehrst nun vom Tawaf zurück. Dort bist Du in den Menschen aufgegangen und bist in Gestalt Abrahams wieder erschienen. Du stehst an der Wirkungsstätte des Architekten der Kaaba und des Erbauers des  Haram  und  der  Masdschid  al-Haram.  Hier begegnest Du Deinem Schöpfer und Verbündeten. Daher 
- mach Dein Land zu einer Stätte der Geborgenheit, als verweiltest Du in Haram, 
- mach Deine Zeit zu einer Epoche von Frieden und Sicherheit,  als wärest Du immer im Zustand 
  des Ihram, 
- mach Deine Erde zu einer sicheren Moschee, als wärest Du noch  in Masdschid al-Haram, 
  denn die Erde ist die Moschee Gottes, aber wie Du siehst, ist sie es in Wirklichkeit nicht. 

 

 

Sa'y  

 

Wenn Du das Tawaf Gebet an der Stätte Abrahams beendet hast, begibst Du  Dich zu Masaa. Es ist die Entfernung zwischen den Bergen Saffa und Marwa und sie beträgt über 300 Meter. Siebenmal gehst Du zwischen diesen beiden Bergen hin und her. Du beginnst an der Spitze des Saffa und gehst hinunter. Ein Teil des Weges, den Du schnellen Schrittes zurücklegst (Harwalah), verläuft parallel zur Kaaba. Danach gehst Du normal zum Fuße des Marwa. 
 

Sa'y heißt streben. Es ist eine Bewegung mit Ziel und Richtung, verbunden mit Eile und Schnelligkeit. 
Während des Tawaf handeltest Du wie Hajar. An der "Stätte" handeltest Du wie Abraham und Ismael. Beim Verrichten des Sa'y findest Du Dich wieder in der Rolle von Hajar. 
Hier sind alle gleich:  Gestalten, Muster, äußere Erscheinungen, Grade, Eigenarten, Persönlichkeiten, Grenzen, Unterschiede, Entfernungen, Auszeichnungen und Farben sind aufgehoben. Nur der Mensch und die bloße Menschlichkeit sind gefragt. Glaube und Liebe, Überzeugung und Tat, sonst nichts. Hier wird über niemanden geredet, auch nicht über Abraham, Hajar und Ismael. Das sind keine Individuen, sondern Worte und Sinnbilder. Hier existieren nur Bewegung und Festigkeit, Menschheit und Gottheit und dazwischen die Ordnung. Und das ist Haddsch: Der Aufbruch zu einer ständigen Bewegung in eine bestimmte Richtung. Genauso bewegt sich auch die ganze Welt. Hier beim Sa'y bist Du wie Hajar, eine Frau aus der geächteten und gedemütigten afrikanischen Rasse, eine schwarze abessinische Sklavin, die Sklavin von Sarah. Doch das ist sie nur in einer polytheistischen Gesellschaftsordnung. Im Monotheismus ist diese Sklavin Gesprächspartnerin Gottes. Sie ist Mutter der Propheten und die Verkörperung der höchsten und heiligen Werte, die Gott erschaffen hat. Sie ist die überragende Gestalt auf dieser Bühne. Sie ist die einzige Frau und Mutter im Hause Gottes. Dem Gebote Gottes gehorchend, nahm sie ihr Kind im Säuglingsalter aus seiner gewohnten Umgebung in der Stadt und aus der Familiengemeinschaft und brachte es in diese kahlen und steinigen Berge, allein und ohne Lebensmittelvorräte, allein mit ihrer Liebe. Sie ließ ihr Kind auf Geheiß Gottes in diesem Tal zurück, in einem ausgedörrten, trostlosen, von der Hitze glühenden Tal ohne jegliche Vegetation, in einem Tal des Schreckens und des Todes als Zeichen absoluten Gottvertrauens. 
Wie erstaunlich! Es war das Gebot Gottes. Ihr wurde gesagt, dass Gott sich ihrer und ihres Sohnes annehmen und für ihr tägliches Brot sorgen würde. Du, Hajar, die Verkörperung der Hingabe, des Glaubens und des Vertrauens in die Liebe, stehst unter meinem Schutz. Hajar unterwarf sich dem Willen Gottes und ließ ihr Kind in diesem Tal zurück. Es war Sein Wille, der Wille des Geliebten. 
Doch Hajar, die Hingabe in Person, machte sich bald auf und wanderte auf der Suche nach Wasser von einem ausgedörrten Berg zum anderen. Sie suchte unermüdlich, war ständig in Bewegung, vertraute auf das eigene Durchhaltevermögen, auf den eigenen Willen und Verstand. Und was war sie? Eine Frau, eine Mutter, einsam, obdachlos, kämpfend, suchend, vertrauensvoll, verstört, leidend, schutzlos, heimatlos, isoliert von ihrer Gemeinschaft, von niederer Abstammung  und  Klasse,  eine Gefangene, eine  Fremde, eine Sklavin, von Hass verfolgt, von den Aristokraten abgelehnt, von den Völkern, Rassen, Klassen, ja sogar von der eigenen Familie gehasst, eine schwarze Magd mit ihrem Kind in den Armen, verbannt aus dem Haus, aus der Stadt und aus dem Land der höheren . 
Rasse, verirrt in der Wüste der Einsamkeit, Gefangene in entlegenen Bergen, ruhelos, doch voller Hoffnung, Wasser zu finden, ständig : auf der Suche von einem Berg zum anderen wandernd, ohne zu klagen. 
Das ist der Kulturbringer (Prometheus) der Tradition Abrahams; kein Gott, sondern eine Sklavin. Sie schenkte kein Feuer, sondern Wasser, ja, Wasser! Nichts Verborgenes und Metaphysisches, keine Liebe, Hingabe und Unterwerfung, kein Lebenselixier und keinen , Weisheitstrank, keine Mystik und keinen Himmel, sondern nur Trinkwasser. Kein Wasser von höheren Sphären, sondern aus einer Quelle dieser Erde, rein materiell. Die gleiche Flüssigkeit, die auf der Erde fließt, nach der das materielle Leben so dürstet. Der Körper verlangt es, weil es zu Blut in Deinen Adern wird. Es wird zu Milch in der Mutterbrust, die den Durst des Kindes stillt. 
Die Suche nach dem Wasser symbolisiert das materielle Leben auf dieser Erde, die objektiven Bedürfnisse des Menschen, seine Verbundenheit mit der Natur und seine Sehnsucht nach dem diesseitigen Paradies und den irdischen Früchten. 
Und Sa'y ist eine materielle Bestrebung, das Streben nach Brot und Wasser, der Versuch, Dich und Deine Familie am Leben zu erhalten, ja, besser zu leben. Auf Dir lastet die Verantwortung für den Durstigen, der auf Dich wartet. In dieser glühenden Wüste musst Du Wasser finden, um seinen Durst zu stillen. 
Sa'y ist die Mühsal auf dieser Erde, die Anstrengung, der Natur zu entreißen, was Du brauchst, und in das Herz der Erde vorzustoßen, wenn Du Wasser suchst. Sa'y symbolisiert materielle Bedürfnisse, Handlungen und Ziele. 
Es ist das Sinnbild der Wirtschaft, der Natur und der Arbeit. Es handelt von dem Menschen, seinen Bedürfnissen und seinen Überlegungen, sie zufrieden zu stellen. 
Das ist ein erstaunlicher Vorgang. Die Handlungen von Tawaf und Sa'y folgen dicht aufeinander und sind in ihrer Art doch weit voneinander entfernt.  Zwischen ihnen liegt die Entfernung zweier Gegensätze. 
Tawaf  ist die absolute Liebe, Sa'y die absolute Vernunft. Bei Tawaf dreht sich alles um Ihn, bei Sa'y nur um Dich. Tawaf ist die göttliche  Vorbestimmung,  Sa'y  die  menschliche  Selbstbestimmung. 

Bei Tawaf ist der Mensch wie ein Falter, der eine Kerze so lange umkreist, bis er Feuer fängt, in den Flammen der Liebe aufgeht und entschwindet, und bei Sa'y ist er wie ein Adler, der aus eigenem Antrieb zu immer höheren Gipfeln fliegt und seine Beute überall ausfindig macht. Er beherrscht Himmel und Erde, trotzt Wind  und Wetter,  kennt  keine Grenzen und überwindet hohe Berge und weite Ebenen. 
Tawaf  versinnbildlicht den von der Wahrheitsliebe ergriffenen Menschen und Sa'y denjenigen, der von der Realität geprägt ist. 
Tawaf ist die Darstellung des erhabenen Menschen, Sa'y das Sinnbild des mächtigen. 
Tawaf ist Liebe, Verehrung, Geist, Schönheit, Opferbereitschaft, Martyrium, Moral, Güte, Werte, Spiritualität, Subjektivität, Wahrheit, Glaube, Gottesfurcht, Enthaltsamkeit, Demut, Gotteserfahrung, Erleuchtung, Herzlichkeit, Hingabe, Vorbestimmung, Transzendenz,  Himmel,  Verborgenheit,  Gotteswille,  Gehorsamkeit, Gottvertrauen,  Mitmenschen,  Religion,  Jenseits,  Auferstehung, Gott und alles, was die Seele des Ostens bewegt. 
Sa'y ist Vernunft, Logik, Bedürfnis, Leben, Realität, Objektivität, Erde, Materie, Natur, Wohlstand, Denken, Wissenschaft, Technik, Interesse,  Profit,  Genuss,  Zivilisation,  Wirtschaft, Trieb,  Leib, Selbstbestimmung, Wille, Beherrschung, Lebensunterhalt, Macht, Diesseits, Selbst und alles, was den Westen zu Anstrengungen veranlasst. 
Tawaf handelt von Gott und Sa'y von den Menschen. Bei Tawaf geht es um die Seele und bei Sa'y um den Leib. Tawaf handelt von den Leiden des Daseins und den Sorgen des Himmels und Sa'y von den Freuden des Lebens und den Annehmlichkeiten der Erde. 
Tawaf ist das Verlangen nach Durst, und Sa'y ist die Suche nach Wasser. Tawaf ist die Hingabe des Falters, und Sa'y ist der Höhenflug des Adlers. 
Haddsch ist die Synthese zweier Gegensätze. Gegensätze, die den Menschen im Laufe der Geschichte schon immer beschäftigt haben: Materialismus oder Idealismus, Rationalismus oder Erleuchtung, Diesseits  oder Jenseits,  Wohlstand oder Askese,  irdische oder himmlische Gaben, Selbst- oder Vorbestimmung und schließlich Selbstvertrauen oder Gottvertrauen. Abrahams Gott stellt Dich da vor keine Alternativen. Er lehrt Dich, diese Gegensätze aufzuheben. 
Dazu braucht Er weder Philosophie noch Mystik, weder Wissenschaft noch Worte. Er empfiehlt Dir, dem Beispiel eines vorbildlichen Menschen nachzueifern. Dieser Mensch, bei dem die Philosophen,  Mystiker,  Gläubigen  und  Wahrheitssuchenden  in  die Schule gehen müssen, ist eine Frau, eine ,schwarze abessinische Sklavin, eine Mutter. Dem Gebot der Liebe gehorchend, unterwirft sie sich Ihm mit absoluter Hingabe. Sie nimmt ihr Kind aus seiner gewohnten Umgebung in der Stadt und bringt es in dieses glühende und öde Tal, in ein Tal ohne Wasser und Vegetation. Das zeugt von absolutem Vertrauen zu Gott, einem Vertrauen gestützt auf Liebe und Glauben ohne jegliche Berechnung. Doch sie sitzt nicht tatenlos neben ihrem Kind, sie wartet nicht auf ein Wunder, nicht auf himmlische Gaben und nicht auf paradiesische Flüsse. 
Sie vertraut ihr Kind dem Geliebten an und nimmt ihre Bemühungen sofort auf. Sie steht mit beiden Füßen fest im Leben und tastet sich mit beiden Händen vor. Einsam, durstig, obdachlos, getrieben vom Verantwortungsbewusstsein, sucht sie in der Fremde, in den kahlen Bergen von Mekka nach Wasser. Ein aussichtsloses Unterfangen! Ist hier von Hajar die Rede oder vom Menschen an sich? 
Hajars Bemühungen scheitern und sie kehrt hoffnungslos zu ihrem Kind zurück. Etwas Erstaunliches ist geschehen. Ungeduldig von dem quälenden Durst hat das Kind, das im Vertrauen auf die Güte Gottes sich selbst überlassen wurde, mit beiden Füßen im Sande gegraben. Als alle Bemühungen zu keinem Ergebnis führten, geschah  im  Augenblick der Hoffnungslosigkeit plötzlich das Unerwartete. Es war wie ein Wunder. Die treibende Kraft der Not und die Macht der göttlichen  Liebe ließen die lebensspendende Quelle aus dem Schoße der Erde sprudeln. Und die Lehre daraus? 
Letztlich führt Dich die Liebe zum Wasser und nicht die Suche danach. Doch zuerst musst Du danach streben. Auch wenn Du mit Strebsamkeit allein nicht zu Ihm findest, strebe zu Ihm, so gut Du kannst. Bemühe Dich, gestützt auf die Liebe, und strenge Dich an im Glauben an Gott und mit absolutem Vertrauen zu Ihm. 
Siebenmal legst Du die Strecke zurück, geradewegs und nicht im Kreise laufend, denn wer sich im Kreise bewegt, kommt nicht von der Stelle. Es wäre eine absurde Handlung, eine Anstrengung ohne Sinn und Zweck: Arbeiten, um zu essen, essen, um zu arbeiten, und schließlich der Tod. Doch wir leben für Gott und nicht bloß, um zu leben. Wir arbeiten für die Menschen und nicht bloß, um zu arbeiten. Die Bewegung verläuft in einer geraden Linie. Es ist kein Spaziergang, sondern eine Wanderung mit Maß und Ziel. Eine Wanderung von Saffa bis Marwa. 
Siebenmal gehst Du diese Strecke hin und her. Eine ungerade Zahl ist festgelegt, so dass Du nicht wieder dort ankommst, wo Du das Sa'y begonnen hast. Siebenmal heißt, ständig, unermüdlich und lebenslang vorwärts zu streben, bis Du in Marwa ankommst. Erhebe Dich aus dem Strudel der Selbstentäußerung, wandle auf den Spuren Adams und gehe den Berg Saffa wie Hajar hinauf. Auch Du bist einsam, obdachlos, verbannt in die Wüste der Erde und rennst, getrieben von Verantwortungsbewusstsein und gepeinigt von Durst, der Fata Morgana des Lebens nach. Gehe hinauf und betrachte den weißen Strom der vorwärtsstrebenden Menschen, die hinuntereilen und auf der Suche nach Wasser die glühende Wüste durchqueren, den Berg Marwa hinaufklettern und unverrichteter Dinge sorgenvoll und durstig zurückkehren. Sie kommen wieder in Saffa an, dort, wo die Mühsal begonnen hat. Die Suche nach Wasser zwischen Saffa und Marwa wiederholt sich siebenmal (ständig). Sie finden zwar bis zum Schluss kein Wasser, doch sie kommen in Marwa an. 
Schließe Dich dem reißenden Strom der Menschen an, tauche ein in die Menge, verrichte das Sa'y. Lege den Teil des Weges, der zur Kaaba parallel verläuft, schnellen Schrittes zurück (Harwalah). 

 

Das ist das Ende des elften Kapitels. Wir möchten hier unsere Vorstellung dieses wichtigen Ereignisses beenden. Jeder Muslim sollte unter den gegebenen Vorraussetzungen, einmal in seinem Leben diese ihm auferlegte Pflicht nachkommen, da dies zu den fünf Säulen des Islams angehört. 
Wir  weisen für den Interessierten auf das Buch von Dr. Ali Schariati.

 

Ali Schariati gest. 1977 war  islamischer Publizist, Intellektueller und Soziologe.

 

 

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