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Teheran - Isfahan - Schiraz

 

Ein Bericht von Ulrich Ladurner

 

Die Strecke Teheran–Isfahan–Schiraz ist 895 Kilometer lang. Sie führt durch Wüstenlandschaft, über karge Berge, vorbei an gottverlassenen Dörfern, an prächtigen Städten und den imposanten Ruinen von Pasargadae und Persepolis. 14 Stunden braucht der Bus für die Strecke, zwei Tage mit einer Übernachtung in Isfahan. Es ist eine Fahrt mitten hinein in das Herz Irans. Eine gute Gelegenheit, das Land und seine Menschen wie einen Bilderbogen an sich vorbeiziehen zu lassen. Bilder des Schreckens müssten es sein, denn Iran steht derzeit für alles, was uns nicht gefällt: Antisemitismus, Antiamerikanismus, Fundamentalismus, Terrorismus, Größenwahn, Atombomben – die Liste ließe sich fortsetzen.

 

Zu Beginn der Reise, in Teherans South Bus Station sitzt ein Schalterbeamter, der aussieht, als würde er geradewegs von einer Wiener Kabarettbühne kommen. Er stellt die Busfahrkarte aus, hebt die Daumen und ruft laut lachend: »Ich bin auf Amerikas Seite!« Seine Kollegen hinter dem Schalter kichern verlegen mit. Ein Polizist, der ein paar Meter weit entfernt steht, überhört diese Bemerkung. Immerhin ist Amerika für die Islamische Republik Iran Staatsfeind Nummer eins. Eine Ermahnung für den Mann wäre angebracht. Aber es passiert nichts. Der Schalterbeamte wendet sich dem nächsten Kunden zu, der Polizist setzt seine Runde fort, und in der Halle summt und brummt es wie auf jedem anderem Busbahnhof dieser Welt. Es ist laut, bunt und schrecklich anstrengend.

 

Soldaten sind unter den Passagieren, Staatsbedienstete, Lehrer, Rentner, Studenten, Frauen mit schwarzem Tschador und solche mit farbigem Schleier. Ein vielgesichtiges Volk, das mit dem Bus, dem günstigsten Reisemittel, übers Land fährt. Was denken diese Menschen wohl in diesen schwierigen Zeiten über ihren Präsidenten, über das Ausland, über die Bombe?

 

Wer diese Fragen stellt, begibt sich in ein Labyrinth. Ein prominenter Reformer hat vor dieser Reise vorbeugend erklärt: »Die Iraner müssen nicht mit einem Diktator leben, sondern mit Tausenden kleinen Diktatoren. Deshalb sind sie immerzu auf der Hut. Sie richten ihre Meinungen nach dem Gesprächspartner aus!« Schutz scheint das erste Motiv jeder Äußerung.

 

Im Bus verbergen die Passagiere ihre Gedanken hartnäckig hinter einem starren Gesicht.

»Wo fahren Sie hin?«

»Nach Isfahan.«

»Und was sind Sie von Beruf?«

»Ingenieur!«

»Woran arbeiten Sie?«

Eine kurzes Lächeln, ein Blick durchs Fenster hinaus auf die Wüstenei. So endet jeder Gesprächsversuch in diesem Bus nach zwei, drei Worten in stumpfer Stille. Keiner lacht, keiner scherzt, keiner zeigt sich. Es herrscht lähmendes Misstrauen.

Achmed Tschalili, Verkäufer an der Raststätte in der Nähe der heiligen Stadt Qom, wählt im Gegensatz zu den Passagieren im Bus eine offensive Strategie. Er fragt, bevor er selbst gefragt wird: »Warum will der Westen uns das unbestreitbare Recht auf Urananreicherung nicht zugestehen?« Während er das sagt, baumeln über ihm eine aufblasbare Spiderman-Puppe und eine Menge anderer Produkte aus der westlichen Mythenmaschine, einschließlich eines trommelschlagenden Weihnachtsmannes. Kaum will man Achmed Tschalili antworten, hört er schon nicht mehr recht zu. Das ist nicht unfreundlich gemeint. Die Nuklearfrage hat er wahrscheinlich nur erwähnt, um sich selbst zu schützen und weil es erwartet wird. Volkserziehung in Sachen Nuklearenergie wird in Iran derzeit groß geschrieben. Das iranische Staatsfernsehen trägt das seinige zur Bewusstseinsbildung bei. Immer wieder lässt es einen Streifen mit den Worten über den Schirm laufen: »Die Urananreicherung ist unser unbestreitbares Recht!« Es gibt Teheraner, die berichten, sie hätten um drei Uhr nachts eine SMS-Nachricht bekommen mit dem Inhalt: »Und vergessen Sie nicht: Die Urananreicherung ist unser unbestreitbares Recht!«

Auf die insistierende Nachfrage hin wird schnell klar, dass Achmed Tschalili nicht recht weiß, worum sich der Streit eigentlich dreht und was seinem Land drohen könnte. Natürlich ist es ungerecht, von diesem Mann, der den ganzen Tag lang versuchen muss, fürchterlich kitschigen Nippes zu verkaufen und dabei an gleichgültigen Gesichtern der Reisenden abprallt, zu erwarten, dass er den Unterschied zwischen der IAEA in Wien und dem UN-Sicherheitsrat in New York kennt. Trotzdem, die Art und Weise wie Tschalili die Welt wahrnimmt, wird Einfluss haben auf den Verlauf der iranischen Krise. Werden Männer wie er bereit sein, für ihre Regierung in den Krieg zu ziehen, wenn es denn so weit kommen sollte? Das ist eine dieser Fragen nach der Einstellung dieses Mannes. Aber Tschalili duckt sich hinter den sterilen Slogans des Regimes.

 

Nur eines lässt sich mit Gewissheit sagen. Er hätte sich gefreut, Spiderman oder den Weihnachtsmann zu verkaufen. Denn wirtschaftlich geht es ihm offensichtlich nicht gut – wie vielen, sehr vielen Iranern. Die Versprechungen Ahmadinejads, mehr soziale Gerechtigkeit zu schaffen, sind bisher nicht erfüllt worden, darüber sind sich die Experten einig. Er hatte noch zu wenig Zeit, sagen geduldig seine Anhänger. Seine Gegner werfen ihm vor, mit seiner außenpolitischen Radikalisierung eine Kapitalflucht ausgelöst zu haben und mit der populistischen Verteilung der Öleinnahmen unters Volk die Inflation anzuheizen. Das Ergebnis, so die Kritiker, werde noch mehr Armut sein.

 

Kurz vor der Stadt Isfahan, während einer routinemäßigen Polizeikontrolle, kommen drei Menschen in den Bus, deren Schicksal Ahmadinejad zu verbessern versprochen hat. Ein zehnjähriger Junge mit einer Baseballmütze, gefolgt von einem Behinderten und einem Bananenverkäufer. Der Junge schreitet durch die Reihen und wirft jedem Passagier ungefragt eine Miniaturausgabe des Korans in den Schoß, der Behinderte reckt seinen kaputten, von einem unförmigen Gestell zusammengehaltenen Arm in die Höhe, während er mit dem anderen eine paar zerdrückte Geldscheine in Empfang nimmt. Der Bananenverkäufer knipst routiniert einzelne Früchte vom Bündel und händigt sie den Käufern aus. So gehen sie durch den Bus und verlassen ihn wieder. Der Junge als Letzter. Er sammelt die Miniaturkorane wieder ein, 25 Cent kostet einer. Gekauft hat keiner. Eine Banane kostet ebenso viel.

 

So schnell, wie sie gekommen sind, verschwinden die drei auch wieder. Sie stehen jetzt im Staub der Straße und warten auf den nächsten Bus, umfangen von einer grenzenlosen Tristesse. Politische Unterdrückung, enttäuschte Hoffnungen, allgegenwärtige Angst, täglicher Überlebenskampf. Das sind die Ingredenzien der Iran-Depression.

Es bleibt einem Klempner aus der Provinz Lorestan vorbehalten, die Malaise in einem niederschmetternden Satz zusammenzufassen. Alidschar mit diesem Namen stellt er sich auf der Bushaltestelle in Isfahan vor. Er trägt eine dicke, getönte Brille auf der Nase, halb langes Haar und einen buschigen Schnauzbart. Er könnte nach westlichen Maßstäben durchaus als Gitarrist einer Rockband der siebziger Jahre durchgehen, für iranische Begriffe ist er eher ein Proletarier kurz vor dem Absturz auf der steilen iranischen Gesellschaftsleiter. Ein Randständiger.

Alidschar wartet auf seine Mutter, die aus Kermanschah kommt, um ihn zu besuchen. Er ist ein bisschen nervös, weil der Bus Verspätung hat und weil er seiner Mutter nichts Gutes berichten kann. Als sie das letzte Mal hier war, hatte er noch Arbeit, aber diesmal wird er ihr sagen müssen, dass ihn sein Chef entlassen hat. »Über Nacht«, sagt Alidschar. Die Mutter ist an schlechte Nachrichten gewöhnt. Alidschar ist vor zwei Jahren nach Isfahan gezogen, weil er in seiner Heimat keine Arbeit finden konnte. Hier versucht er mühsam, genügend Geld zusammenzutragen, um endlich in seiner Heimatprovinz Lorestan heiraten zu können. Die Mutter erwartet das, und Alidschar selbst natürlich auch, alles andere ist für ihn nur ein gescheitertes Leben. Ob er Hoffnung hat, sein Ziel zu erreichen? Er schüttelt nur den Kopf und verbindet ganz unerwartet die Weltpolitik mit seinen eigenen Nöten. »Es ist mir egal, ob sie uns bombardieren, ich habe ohnehin nichts zu verlieren!«

Freilich, ausgefeilte Analysen sind nicht zu erwarten von Männern wie Alidschar, von einfachen Verkäufern wie Tschalili, von fliegenden Händlern, von Bettlern und Passagieren, die per Billigbus über Land fahren – und doch sind sie Zeugen für den Zustand dieses Landes. Ihre Erschöpfung ist die ihrer Heimat, ihre Apathie ist die einer geschlagenen Gesellschaft, die in einem Vierteljahrhundert von den Launen der Geschichte durchgerüttelt wurde wie kaum eine andere.

Wer nach dem dynamischen Teil der iranischen Gesellschaft sucht, nach den vermeintlichen Trägern demokratischer Reformen, der wendet sich üblicherweise an die Mittelschicht. Isfahan ist dafür ein guter Ort. Die Stadt ist voll mit geschäftstüchtigen Leuten. Tatsächlich, im Hause eines Isfahaner Unternehmers hellt sich die Welt sofort auf. Die Wohnung dieses Mannes, der ungenannt bleiben soll, ist voller symbolkräftiger Dinge. Ein kleiner Eiffelturm aus Glas steht wie eine Reliquie in einer Mauernische, eine Reihe von Frauenskulpturen und: »Bier«, sagt der Hausherr, »Bier trinken wir auch.« Der Mann ist bestens über Politik informiert. Er redet wie einer aus dem Westen, und er teilt dessen Ideen. »Die Atomenergie schafft uns nur Probleme, die Regierung sollte sich um andere Dinge kümmern!« Wer im Westen hörte das nicht gern?

 

Unterhalb der Oberfläche des Regimes entpuppt sich Iran als ein Land der tausend Wahrheiten. Ob Chomeini oder Mossadegh, jeder hat hier seinen eigenen Hausheiligen, den er mit Inbrunst verehrt. Jeder ist auf der Suche nach Halt. Das Regime hat seit Monaten die Gehirnwaschmaschine angeworfen, und das Ausland plustert sich drohend auf. Orientierung ist gefragt in dieser verwirrenden, gefährlichen Zeit.

Auf dieser Busfahrt gibt es einen Ort, an den Tausende Iraner pilgern. Pasargadae, die Ruinen der Palastanlage König Kyros’, der vor 2500 Jahren das persische Weltreich begründet hatte. Am Grabmal des Kyros stehen drei junge Frauen aus Teheran, modisch gekleidet und sehr sorgfältig geschminkt. Eine von ihnen sagt mit tiefem Ernst in der Stimme: »Kyros ist mein Vater!« Sie nimmt den König in Anspruch, weil das islamische Regime diesen vorislamischen König nicht achtet; weil er ein Symbol der Größe und Stärke Persiens ist, der Glaube an ihn ist ein Akt der Rebellion. Im Dorf Pasargardae sagt ein junger Mann im Flüsterton: »Ich bin Bakthiari! Nomade!« Er zeigt auf seine weit geschnittenen traditionellen Hosen. Kyros war auch Bakthiari!«

Die junge Frau aus Teheran dürfte diese Behauptung bestreiten. Für sie ist Kyros ein Perser und nichts anderes. Aber so ist es halt in Iran – jeder beansprucht seine eigene Wahrheit, seine eigene Version der Dinge, mit Absolutheitsanspruch. Eine gemeinsame Grundlage scheint es nicht zu geben. Sie ist, wenn es sie denn je gegeben hat, zerbrochen. Alle sind auf der Suche, jeder findet irgendwas, aber nichts bindet alle dauerhaft zusammen – es herrscht purer Eskapismus.

Ausgerechnet in Schiraz, der letzten Station dieser Reise, der Stadt der Dichter und Heiligen, findet sich ein Beispiel für diese Flucht in eine mitunter bizarre Welt. Der Bürgermeister eines in der Nähe der Stadt liegendes Dorfes, der dem schönen Schiraz einen Besuch abstattet, zimmert in wenigen Minuten Zitate von Friedrich Nietzsche, Gabriel García Márquez und Martin Heidegger auf so eigenwillige Weise zusammen, dass der Zuhörer am Ende das Gefühl hat, er sei Zeuge einer surrealen Show geworden, die den Zweck hatte, Spuren zu verwischen. Kaum aber ist es dem Bürgermeister gelungen, alle zu verwirren, zieht er ein Blatt Papier aus seiner Jackentasche und rezitiert ein selbst geschriebenes Gedicht. Es ist eine Klage gegen die Behörden. Der Refrain ist eindeutig: »Sie haben uns die Sonne aus dem Herzen gerissen. Wir müssen die Sonne wieder zurückgewinnen!« Und danach verballhornt er wieder Nietzsche, wirbelt Staub auf und verschwindet.

 

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Photos by Ulrich Ladurner

Copyright http://www.zeit.de/2006/12/IransGesellschaft