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Poesie: Ghasel

 

Der Einfluss persischer Poesie erreicht einen ersten Höhepunkt im achtzehnten Jahrhundert und gipfelt schließlich in der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts in Goethes "West-östlichem Diwan" (1819), in den Rückertschen und Hammerschen Übersetzungen des Diwan von Hafez. Friedrich Rückert (1788 - 1866) und Joseph Freiherr von Hammer-Purgstall (1774 - 1856) machten Dichter wie Dschalaleddin Rumi oder Hafez im Deutschen heimisch. Friedrich Rückert verdanken wir nicht allein sehr poetische Übersetzungen und Nachdichtungen - es gelang diesem genialen Sprachmagier, in seinen eigenen Gedichten orientalische Versformen wie das Ghasel kunstvoll ungekünstelt einzudeutschen.

Rückert begann nach erstem klassischen Sprachunterricht in seiner Vaterstadt Schweinfurt 1818 sein Studium orientalistischer Sprachen in Wien, wo er auch bei Prof. Hammer-Purgstall studierte. In Rekordzeit erlernte dieses Sprachgenie Türkisch, Persisch und Arabisch, und nach der Rückkehr in die Heimat widmete er sein Leben dem eignen Dichten und dem Übersetzen von Poesie aus 40 Sprachen, vor allem Persisch, Arabisch und den indischen Sprachen.

Dank seiner außerordentlich umfangreichen und profunden Kenntnis der orientalischen Sprachen und Kultur gelangen Rückert Übersetzungen, die nicht nur genauestens den Ideengehalt vermitteln, sondern im Deutschen auch die poetische Form der Originale widerspiegeln und wie "deutsche Gedichte" klingen.

Aus dem Arabischen übersetzte er mehrere große Werke, u.a. die Hamasa, Mu'allaqat und Imru'I-qais. Seine Übersetzung der meisterlichen arabischen Makamen des Abu Mohammed al-Kasim ibn Ali al-Hariri (1054-1122) gilt als ebenso schön wie das Original.

Von den mehr als 100000 Versen, die Rückert übersetzte, sind die aus dem Persischen - seiner Lieblingssprache - die berühmtesten. 1821 veröffentlichte er die erste Sammlung von 44 Ghaselen von Moulana Dschalaleddin Rumi, worin er erstmals die Ghaselenform im Deutschen benutzte. Durch dieses Werk wurde sie zu einer deutschen Dichtungsform. Rückert war sich seiner Leistung bewusst. In Die Form des Ghasel schreibt er:

Die neue Form, die ich zuerst in diesem Garten pflanze,
O Deutschland, wird nicht übel stehn in deinem reichen Kranze.

Nach meinem Vorgang mag sich nun mit Glück versuchen mancher
So gut im persischen Ghasel, wie sonst in welcher Stanze.


 

Hier nur ein Beispiel aus der ersten Rumi Sammlung, das zeigt, wie meisterlich er diese dem Deutschen bisher völlig fremde Form übersetzen kann.


Klage nicht, dass du in Fesseln seist geschlagen,
Klage nicht, dass du der Erde Joch musst tragen.
Klage nicht, die weite Welt sei ein Gefängnis;
Zum Gefängnis machen sie nur deine Klagen.
Frage nicht, wie sich dies Rätsel wird entfalten;
Schön entfalten wird sich's ohne deine Fragen.
Sage nicht, die Liebe habe dich verlassen;
Wen hat Liebe je verlassen? Kannst du's sagen?
Zage nicht, wenn dich der grimme Tod will schrecken;
Er erliegt dem, der ihn antritt ohne Zagen.
Jage nicht das flücht'ge Reh des Weltgenusses;
Denn es wird ein Leu und wird den Jäger jagen.

Schlage nicht dich selbst in Fesseln, Herz, so wirst du
Klagen nicht, daß du in Fesseln seist geschlagen.


Rückert übersetzte 27 weitere Ghaselen Rumis und auch 80 Ghaselen und 30 Vierzeiler aus dem Diwan von Hafez, die posthum erschienen. Besonders faszinierte Rückert an Hafez' Dichtung die Paradoxie und Ambiguität seiner Metaphern. Er sagte:

Hafis, wo er scheinet Übersinnliches
nur zu reden, redet er über Sinnliches.
oder redet er, wenn über Sinnliches
er zu reden scheint, nur Übersinnliches?
Sein Geheimnis ist übersinnlich;
Denn sein Sinnliches ist übersinnlich.


Hafez war zweifellos Rückerts Lieblingsdichter, dessen Werke er bis zum letzten Tag seines Lebens las, aber Rückert hielt die gesamte persische Poesie für hervorragend und übertrug mehrere umfangreiche Werke ins Deutsche. Er machte sich sogar an die gewaltige Aufgabe einer Übersetzung des persischen Versepos' Schahname von Ferdousi. 1838 erschien die freie Nachdichtung Rostam und Sohrab in zwölf Büchern.

Anschließend beschäftigte er sich mit einem anderen der ganz großen persischen Dichter, Saadi. Er übersetze dessen Ghaselen und Qasiden sowie längere Werke. Aus dem noch unveröffentlichten Nachlass zu schließen, arbeitete er auch an den Versepen von Nezami.

Zwischen 1846 und 1852 erschienen einige Ghaselen und Fragmente des Dichters Dschami und danach seine Übersetzung und Kommentar zum 7. Buch des Haft Gulzum, eines indo-persischen Werks über Metrik und Rhetorik.

Die Beschäftigung mit der persischen Poesie beflügelte Rückert zur Komposition zahlreicher wunderschöner eigener deutscher Gedichte, die er als Östliche Rosen oder Liebesfrühling u.a. veröffentlichte.

Wenn die persische Poesie hier in Deutschland geliebt und geschätzt wird, dann haben wir das Rückert zu verdanken. Und dies gilt nicht nur für die Poesie Persiens.

Somit hatte der Ghasel als poetischer Stil endgültig in der deutschen Literatur Fuß gefasst.
Ein schönes Beispiel dafür sind die folgenden Verse von Karl August Graf von Platen :
 


Es liegt an eines Menschen Schmerz, an eines Menschen Wunde nichts,
Es kehrt an das, was Kranke quält, sich ewig der Gesunde nichts!

Und wäre nicht das Leben kurz, das stets der Mensch vom Menschen erbt,
So gäb's Beklagenswerteres auf diesem weiten Runde nichts!

Einförmig stellt Natur sich her, doch tausendförmig ist ihr Tod,
Es fragt die Welt nach meinem Ziel, nach deiner letzten Stunde nichts;

Und wer sich willig nicht ergibt dem ehrnen Lose, das ihm dräut,
Der zürnt ins Grab sich rettungslos und fühlt in dessen Schlunde nichts;

Dies wissen Alle, doch vergißt es Jeder gerne jeden Tag,
So komme denn, in diesem Sinn, hinfort aus meinem Munde nichts!

Vergeßt, daß euch die Welt betrügt, und daß ihr Wunsch nur Wünsche zeugt,
Laßt eurer Liebe nichts entgehn, entschlüpfen eurer Kunde nichts!

Es hoffe Jeder, daß die Zeit ihm gebe, was sie Keinem gab,
Denn Jeder sucht ein All zu sein und Jeder ist im Grunde nichts.

 

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